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Corona-Lernlücken : Kultusminister wollen Mathematiklehrer fortbilden

Besser rechnen können: Nachholbedarf beim Mathematikunterricht Bild: dpa

Nicht einmal die Hälfte der deutschen Schüler erreicht in Mathematik die Regelstandards der Kultusminister. Das soll sich durch besseren Unterricht ändern.

          3 Min.

          Viel zu viele Kinder und Jugendliche sind in Mathematik schwach auf der Brust. Nicht einmal die Hälfte der deutschen Schüler erreicht die sogenannten Regelstandards der Kultusministerkonferenz (KMK). Die Corona-Krise mit ihren langen pandemiebedingten Schulschließungen hat das Pro­blem noch zusätzlich verschärft. Bei allen Lernstandserhebungen im Herbst hat sich gezeigt, dass die Defizite vor allem im Lesen und in der Mathematik liegen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Kultusminister haben sich deshalb zu einem umfassenden Zehnjahresprogramm „QuaMath – Unterrichts- und Fortbildungs Qualität in Mathematik entwickeln“ entschlossen. Es wird vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel forschungsbasiert entwickelt und gemeinsam in den Ländern auf den Weg gebracht. Vor zehn Jahren wurde das DZLM auf Initiative der Deutschen Telekom Stiftung gegründet und mit mehr als zehn Millionen von ihr gefördert. Seit 2021 ist das Zentrum an das IPN angegliedert. In einem Netzwerk mit Professoren zwölf deutscher Hochschulen entwickelt und erforscht das DZLM in enger Zusammenarbeit mit der Praxis Unterstützungs­angebote für Lehrer im Fach Mathematik. Für die Mathe-Fortbildung soll das DZLM von 2023 an eine Fördersumme in Höhe von 17,6 Millionen Euro für die ersten ­fünfeinhalb Jahre erhalten, die Länder investieren außerdem jährlich 5,5 Millionen für die Länderkoordination und die Multiplikatoren.

          Kognitive Aktivierung wichtig

          „Für alle Kultusministerien hat die mathematische Bildung unserer Kinder und Jugendlichen sehr hohe Bedeutung, daher setzen wir viel Hoffnung in das neue Programm“, sagte die scheidende KMK-Präsidentin, Brandenburgs Kultusministerin Britta Ernst (SPD). Die Unterrichtsforschung für Mathematik ist relativ weit fortgeschritten. Im Unterschied zu vielen anderen Fächern weiß man daher, welche Merkmale einen guten und wirksamen Mathematikunterricht ausmachen. Die Leiterin des DZLM-Netzwerks Susanne Prediger hat fünf entscheidende Kriterien benannt. So entwickeln sich erstens mathematische Kompetenzen „durch aktives und tiefgehendes Denken, nicht durch Oberflächenlernen“.

          Gemeint ist damit die kognitive Aktivierung im Mathematikunterricht. Ein guter Mathematikunterricht soll zweitens ein inhaltliches Verständnis aufbauen, das gerade nicht in der Aneignung unverstandener Rezepte oder auswendig gelernter Formeln besteht. Drittens sollen Schüler mathematische Inhalte, Prozesse und Ideen, die immer wiederkehren, systematisch verknüpfen können, im Idealfall also ein mathematisches Gesamtverständnis erwerben, das zu eigenständigem Denken in mathematischen Zusammenhängen führt. Gerade im Blick auf die Corona-Defizite ist das vierte Kriterium wichtig, das die Förderung der Schüler aufgrund ihrer individuellen Lernstände im Blick hat. In der Unterrichtsforschung wird diese Fähigkeit von Lehrern, auf die jeweilige Ausgangsposition ihrer Schüler einzugehen, als Adaptivität bezeichnet. Schließlich sollte sich in gemeinsamen Gesprächen von Lehrern und Schülern ein Verständnis für mathematische Sachverhalte entwickeln. Das heißt, dass sie auch kommuniziert werden können.

          In die Schulen kommen sollen diese Prinzipien guten Mathematikunterrichts, der in der Grundschule oft genug daran krankt, dass er fachfremd erteilt wird, durch eigens dafür qualifizierte Multiplikatoren. Um die Fortbildung für Lehrer gezielt zu verbessern, werden die Unterstützungsangebote gezielt darauf angepasst. Der QuaMath-Projektleiter für die Primarstufe Christoph Selter von der TU Dortmund verweist darauf, dass nicht nur Lehrer und Multiplikatoren dazulernen sollen, sondern auch die Fortbildungsqualität ständig weiterentwickelt wird.

          Bemerkenswert ist, dass die Kultusministerkonferenz viel enger als bisher mit der Bildungsforschung an einer Verbesserung des Unterrichts arbeiten will. Sie setzt dabei auch auf die StäWiKo, die Ständige Wissenschaftliche Kommission, mit ihren Empfehlungen. Zugleich versucht die KMK dem Eindruck entgegenzuwirken, nur noch Pandemiemanagement zu betreiben.

          Sie will nicht nur die vorhandenen Mathelehrer an 10 000 Schulen weiterqualifizieren, sondern auch gezielt um Abiturienten für die Mangelfächer werben, also für Mathematik und Naturwissenschaften. Die Kultusminister wollen zusätzliche Anreize für Berufseinsteiger in Mangelfächern schaffen und Abiturienten früh die Gelegenheit geben, in Arbeitsgemeinschaften, Ferienkursen oder Grundschulprojekten Einblicke in die Arbeit von Lehrern ermöglichen.

          In direktem Zusammenhang mit der Qualitätssteigerung des Unterrichts stehen auch die überarbeiteten Empfehlungen zur Bildung in der digitalen Welt. Dass der bloße Einsatz digitaler Medien noch keine Unterrichtsstunde besser macht, wissen auch die Minister. Sie versuchen deshalb, digitale Fähigkeiten besser mit fachlichen Kompetenzen zu verknüpfen. Das gilt für den Unterricht, der durch digitale Simulationen, dynamische Modellierungen und mehr sanktionsfreie Rückmeldungen für das Selbstlernen angereichert werden soll, aber auch für Prüfungen. Digitale Prüfungen waren lange genug Multiple-Choice-Aufgaben. Kritisches Denken, Kreativität, Zusammenarbeit zu prüfen war kaum möglich, dafür sollen künftig neue Formate entwickelt werden. Da Lehrer alle sich ständig erweiternden digitalen Lernmittel nur nutzen können, wenn sie sich damit auskennen, sollen diese in den drei Phasen der Lehrerbildung besser verzahnt und auch für die Schulentwicklung genutzt werden.

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