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Zahlen über Ungeimpfte : Haben Bayern und Hamburg ihre Inzidenzwerte verzerrt?

Menschen stehen am 24. November 2021 im Innenhof der Münchner Residenz vor einer Corona-Teststation in einer Warteschlange. Bild: dpa

Bayern und Hamburg wird vorgeworfen, sie arbeiteten mit verzerrten Inzidenzzahlen bei Geimpften und Ungeimpften. Die Gesundheitsbehörden reagieren unterschiedlich auf die Kritik.

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          Am 18. November schrieb der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf Twitter: „Leider nehmen die Corona-Infektionen gerade bei Ungeimpften dramatisch zu. Es gibt einen direkten Zusammenhang von niedrigen Impfquoten und hohen Infektionsraten. Lassen Sie sich daher bitte impfen. Nur Impfen hilft.“ Dazu postete er eine Grafik, wonach die Sieben-Tage-Inzidenz der Ungeimpften bei 1469 lag und jene der Geimpften bei gerade mal 110.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.
          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
          Anna-Lena Ripperger
          Redakteurin in der Politik.

          Doch so klar, wie Söder die Lage damals darstellte, war sie offenbar nicht. Wie die „Welt“ am Wochenende berichtete, kannte die Behörde, die in Bayern für die Erfassung der entsprechenden Daten zuständig ist, das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), den Impfstatus von Infizierten offenbar oft nicht. Gleiches gelte etwa auch für Hamburg, hieß es in dem Bericht.

          FDP wirft Regierung „Manipulation“ vor

          Ein Sprecher des bayerischen LGL habe beispielhaft für die Woche vor dem 24. November mitgeteilt, in dieser Zeit seien insgesamt 81.782 Corona-Fälle gemeldet worden – 9641 Personen davon hatten einen vollständigen Impfschutz, 14 652 keinen. In 57.489 Fällen sei der Impfstatus „unbekannt“ gewesen. Statt diese Fälle herauszurechnen, habe die Behörde sie der Gruppe der Ungeimpften zugeordnet und auf Basis dieser Zählung die Geimpften- und Ungeimpften-Inzidenz ausgewiesen. Auch die Testanzahl in den unterschiedlichen Gruppen habe keine Rolle gespielt.

          Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag, Martin Hagen, bezeichnete das Vorgehen des LGL am Samstag auf Twitter als „Manipulation“ und forderte personelle Konsequenzen. Die Bayerische Staatsregierung trat einen Tag später dem Eindruck entgegen, sie arbeite mit verzerrten Inzidenzzahlen. Auf Anfrage der F.A.Z. teilte ein Sprecher der Staatskanzlei mit, diese verwende Zahlen, die ihr aus dem LGL und dem bayerischen Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellt würden; wie diese Zahlen zustande kommen, liege „alleine“ in deren Zuständigkeit.

          Das LGL wiederum wies den Vorwurf, Daten nicht korrekt veröffentlicht zu haben, „entschieden“ zurück. LGL-Präsident Walter Jonas teilte mit, man habe stets auf die Berechnungsgrundlagen und die „Limitationen der Werte, mit denen wir arbeiten können“ hingewiesen. Tatsächlich gibt es auf der Website des LGL einen entsprechenden Hinweis. Offen bleibt aber, warum sich die Behörde trotz der bekannten Beschränkungen bei den Daten dazu entschlossen hat, sie auf diese Weise zu veröffentlichen. Dies erstaunt auch deshalb, weil das Robert-Koch-Institut gar keine übergreifende Inzidenz für Geimpfte und Ungeimpfte ausweist, sondern nur bezogen auf Personen mit Symptomen und für hospitalisierte Personen.

          Aus Hamburg hieß es am Montag, man wisse, dass Zahlen mit Unsicherheiten behaftet seien. Die Infektionszahlen werden dort unter anderem einmal pro Woche für zwei Gruppen getrennt angegeben, für die Geimpften und für alle anderen. Allerdings ist nur die erste Gruppe klar umrissen. Denn wenn eine Person infiziert ist, fragen laut Gesundheitsbehörde die Gesundheitsämter bei den Infizierten den Impfstatus ab. Wenn diese angeben, dass sie vollständig geimpft sind, kommen sie in die erste Gruppe. Alle anderen werden zur zweiten Gruppe gezählt, auch jene, die keine Angaben gemacht haben und deren Impfstatus man also nicht kennt.

          Wie hoch der Anteil von Infizierten ist, die keine Angaben gemacht haben, konnte eine Sprecherin der zuständigen Gesundheitsbehörde nicht sagen. Weil man um die Zahlenproblematik wisse, würden die Zahlen zu den beiden Gruppen immer für einen bereits zwei Wochen zurückliegenden Zeitraum angegeben, um den ohnehin belasteten Gesundheitsämtern mehr Zeit für Nachmeldungen zu geben. Die bisherige Datenerhebung und -lage werde aber derzeit geprüft, fügte sie hinzu.

          LGL sieht sich durch Praxis bestätigt

          Der Präsident des bayerischen LGL sieht sich in seinem Vorgehen durch die Praxis bestätigt. Es habe sich durch später vorliegende Daten herausgestellt, dass Personen mit unbekanntem Impfstatus „in der weit überwiegenden Anzahl der Fälle ungeimpft waren“. Ein bloßes Weglassen der fehlenden Werte hätte zu falschen Inzidenzverhältnissen geführt. Ob die Behörde plant, ihre Zählweise zu ändern, war zunächst offen.

          Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) stellte sich am Sonntag hinter das LGL. Er habe dessen Erklärung nichts hinzuzufügen, twitterte er. Die Zählweise sei seit Langem bekannt. Vom Koalitionspartner der CSU, den Freien Wählern, hieß es am Montag, der Vorgang sei bedauerlich. So würden „sachgrundlose Zweifel an der unstrittigen Schutzwirkung der Impfung geschürt“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Fabian Mehring, der F.A.Z.

          Zumal das LGL stets auf die Unschärfe seiner statistischen Darstellung hingewiesen habe. Das zugrunde liegende Problem gelte es gleichwohl abzustellen, forderte Mehring und regte an, den Status für alle bei jedem Corona-Test immer zu erheben. Gleichzeitig betonte er, dass die Impfung der einzige Weg aus der Pandemie sei. „Den Blick auf diesen unstrittigen Fakt sollten wir uns nicht durch stochastische Kolloquien verstellen lassen.“

          Die Stelle, in der auf die Inzidenzzahlen, mit denen das Robert-Koch-Inistitut arbeitet, Bezug genommen wird, wurde in einer späteren Version noch einmal präzisiert.

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