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Corona-Krise : Einfach den Schalter umlegen?

Kundgebung gegen das Kohlekraftwerk Datteln im Januar. Bild: dpa

Für die Klimaschutzbewegung ist die Versuchung groß, die Bewältigung der Corona-Krise als Blaupause für die Klimakrise zu begreifen. Eine Revolution findet aber nicht statt.

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          Wie auch immer die Welt nach Corona aussehen wird, der Weg dorthin wird Hoffnungen nähren, dass sie sich in kurzer Zeit radikal umsteuern und verändern lässt. Verführerisch ist der Gedanke daran besonders für die Aktivisten, die sich im Zeichen des Klimaschutzes eine andere Welt wünschen, um die Welt zu retten. Für sie ist die Versuchung groß, das Jahr 2021 als eine Blaupause für den Übergang in eine klimafreundliche Wirtschaft und Gesellschaft zu begreifen.

          Es stelle sich als Irrtum heraus, sagte Luisa Neubauer jetzt dem ZDF, dass die Forderungen von „Fridays for Future“ mit demokratischen Mitteln nicht umzusetzen seien. „Jetzt stellen wir fest, dass unsere Demokratie trotz all der Maßnahmen in den vergangenen Tagen noch ziemlich gut in Takt ist.“ Neubauer wollte damit dem Eindruck entgegenwirken, die Corona-Krise werde nach dem Motto instrumentalisiert: Was gegen ein Virus möglich ist, muss doch auch gegen die Klimakatastrophe möglich sein.

          Äußerungen dieser Art waren angesichts der steigenden Todesfälle als zynisch bezeichnet worden, aber die Geisteshaltung wird nicht aus der Welt zu schaffen sein. Neubauer selbst spricht nur von der Kraft der Demokratie, um die Analogie - die radikale Wende mit demokratischen Mitteln - nicht aussprechen zu müssen. Das Argument, die Demokratie sei ungeeignet, kommt zudem nicht aus den Reihen der Gegner der radikalen Klimaschutzbewegung, sondern aus ihrer eigenen Mitte. Neubauer spricht insofern für die Kunst des Möglichen.

          Aber sprechen die Klimaschützer, indem sie der Demokratie ihre Fähigkeiten im Sinne einer „unvorstellbaren“ Veränderung vorhalten, im eigenen Interesse? Es müsste in ihren Augen ja bedeuten, dass die Veränderungen, die jetzt in der Corona-Krise verfügt werden, auf Dauer angelegt wären oder schnell etwas Neues hervorbringen.

          Davon kann aber keine Rede sein. In wenigen Monaten stellt sich vielmehr die Frage, ob ein Zusammenbruch der traditionellen Wirtschaft selbst angesichts einer Pandemie noch zu verantworten ist. Niemand will sich vorstellen, wie Staat und Gesellschaft aussähen, wenn der „Lockout“ länger als ein Jahr dauerte.

          Die Pandemie-Bekämpfung ist deshalb alles andere als ein Masterplan für eine demokratische Revolution, für welchen vergleichbaren Zweck auch immer. Der Ausnahmezustand zeigt vielmehr, was nicht möglich, was nicht wünschenswert und was nicht zukunftsträchtig ist.

          Was sich derzeit abspielt, ist eine Bestätigung für den Widersinn disruptiver (und populistischer) Politik: dauerhafte Veränderungen erreicht Demokratie nur, wenn Wirtschaft und Gesellschaft nicht dazu gezwungen werden, von heute auf morgen den Schalter umzulegen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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