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Corona-Krise : Warum Merkel zu den Deutschen sprach

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Fernsehansprache zum Coronavirus am 18.März. Bild: Reuters

In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Exekutive. Deshalb steht jetzt wieder Angela Merkel im Mittelpunkt. Nur Markus Söder hält da noch mit.

          4 Min.

          Wo ist eigentlich die Politik? Deutschland steckt in der Corona-Krise, die Gesellschaft steht kopf. Aber die Politik scheint sich ins Homeoffice zurückgezogen zu haben. Was noch vor ein paar Tagen wichtig war, davon ist nichts mehr zu hören: Grundrente, Solidaritätszuschlag, die Führungskrise der CDU.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber natürlich ist das alles nicht vergessen, es tritt nur zurück. Oder wie Norbert Walter-Borjans, der SPD-Vorsitzende, es sagt: „Der Schein trügt, wir arbeiten auch in den Parteigremien intensiv. Aber klar ist doch auch, dass sich bei der allgemeinen Besorgnis um die Gesundheit und diesem schockartigen Stillstand der Wirtschaft der Blick auf die Exekutive richtet.“ Ähnlich sieht es die CDU. Ein Sprecher sagte: „Einen Streit mit Frau Göring-Eckardt darüber anzufangen, ob eine Unterstützung für Italien früher hätte erfolgen müssen, das löst doch jetzt nicht unsere Probleme.“

          Die Stunde der Exekutive – so nennen das viele. Und diese Exekutive verkörpert sich in der Kanzlerin. Eben noch schien es, als würde Angela Merkel schon in den Schatten gestellt von denen, die sich um ihre Nachfolge bemühen. Aber nun ist sie wieder da. Als es mit Corona losging, war noch Gesundheitsminister Jens Spahn das Gesicht der Krise. Als aber klar wurde, dass die gesamte Gesellschaft in einer nie zuvor erlebten Weise betroffen sein würde, schaltete sich die Kanzlerin ein. Erst gemeinsam mit Spahn, dann allein im Kanzleramt. Und schließlich wählte sie einen „ungewöhnlichen Weg“, wie sie es selbst nannte: am Mittwoch in ihrer Fernsehansprache.

          Viele Kanzler der Bundesrepublik haben sich gelegentlich per Fernsehen an die Bürger gewandt, neben der obligatorischen Silvesteransprache. Helmut Schmidt sprach während des Kampfes gegen die Terroristen der RAF in den siebziger Jahren, Helmut Kohl zur deutschen Einheit, und Gerhard Schröder wählte den dramatischen Fernsehauftritt gleich zweimal: als Deutschland sich am Kosovokrieg beteiligte und zu Beginn des Irak-Krieges, als Berlin nicht bereit war mitzumachen. Merkel hätte in ihrer Amtszeit mehrmals Grund gehabt, sich per Fernsehansprache an alle zu wenden. Sie tat es nicht in der Bankenkrise, nicht in der dramatischen Zeit der Euro-Rettung und auch nicht, als Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

          Merkel war klar: Sie musste ins Fernsehen

          Die Corona-Pandemie aber ist aus Sicht der Kanzlerin so ernst, dass ihr irgendwann klar war: Wir müssen ins Fernsehen. Der letzte Auslöser dürfte der Ausblick aus den oberen Etagen des Kanzleramts auf Berlin gewesen sein. Wie Menschen sich trotz aller Warnungen in Parks und Cafés zusammensetzten, wie sie die Gefahr der Ansteckung ignorierten. Die Kanzlerin wollte mit ihrer Autorität klarmachen: Distanz ist das Gebot der Verantwortung. So entstand der Entwurf ihrer Fernsehansprache in Zusammenarbeit zwischen Steffen Seibert, dem Leiter des Bundespresseamtes, und Merkels Büroleiterin Beate Baumann. Der Kern der Botschaft: Bürger, wacht auf und übernehmt Verantwortung. Oder etwas flapsig: Abstand ist die neue Nähe.

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