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Corona und Spaßgesellschaft : Oktoberfest abgesagt: Ein Weckruf

  • -Aktualisiert am

Erst wieder 2021: Vorbereitungen für das Münchner Oktoberfest Bild: AFP

Die Absage des Oktoberfests ist ein Menetekel. Aber hatte sich nicht in den vergangenen Wochen schon Selbstgefälligkeit breit gemacht? Ein Weckruf war nötig.

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          Die Absage des Oktoberfests ist ein Menetekel. Bisher hatten sich die meisten Leute darauf eingestellt, dass mit all den Selbstbeschränkungen die Kontrolle über das Virus schon zu gewinnen sei, dass spätestens im Sommer das Leben wieder beginnen könne. Mit diesem Wunschdenken ist jetzt Schluss. Viele Großveranstaltungen, die im Herbst stattfinden sollten, werden nun ebenfalls zur Disposition stehen. Der bayerische Ministerpräsident Söder mag aus vielen Gründen besonders eifrig gegen das Virus kämpfen, aber hinter diese Entscheidung kann niemand mehr zurück.

          Einen „normalen“ Sommerurlaub wird es nicht geben, in Berlin werden bis zum 24. Oktober Großveranstaltungen verboten. Und wenn die Münchner fünf Monate vorher die Wiesn absagen, das größte Volksfest der Welt und wichtigste Selbstverständigungsspektakel Bayerns, dann sollte auch der Rest von Deutschland nüchtern nachdenken.

          Natürlich ist der Kampf gegen das Virus eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Aber die Diagnose Angela Merkels von den „Öffnungsdiskussionsorgien“ war nur leicht übertrieben. Frei nach dem Motto: Wir mit unserem guten Gesundheitssystem, mit unserem Perfektionsdrill und unserer Folgsamkeit handhaben das besser als Spanier, Italiener oder Amerikaner. Kaum sind aber die ersten Lockerungen beschlossen, sind die Fußgängerzonen wieder voll, und im Park herrscht Gedränge.

          Die Zahlen scheinen genug Anlass zu Hoffnung zu geben. Der Reproduktionszahl des Virus, die Anfang März noch bei 3 lag, ist laut Robert-Koch-Institut auf unter 1 gedrückt worden. Aber schon die hohe Dunkelziffer der Infizierten und die bisher noch gar nicht wahrgenommenen Infektionsketten sollten uns davon abhalten, fahrlässig zu werden. Selbstzufriedenheit könnte leicht zu einer zweiten Welle von Infektionen führen. Letztlich verlangt uns das Virus Disziplin ab, bis es einen Impfstoff gibt, also noch weit über den Herbst hinaus. Glauben wollte man das bisher nicht so recht. Insofern ist die Absage des Oktoberfests auch ein Weckruf.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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