https://www.faz.net/-gpf-9xq56

Deutschland, ein Coronaland : Wir müssen jetzt gemeinsam lernen

  • -Aktualisiert am

Denunziant ante portas? Eine Gartenfigur mit einem Fernglas steht in Hohensaaten (Landkreis Märkisch-Oderland) hinter der Hecke eines Vorgartens. Bild: dpa

Die Coronakrise ruft Moralisierer und Denunzianten auf den Plan. Besserwisserei hilft aber nicht.

          1 Min.

          Jetzt schlägt die Stunde von solidarischen Nachbarn. Und die von Denunzianten und Verleumdern. Die einen kümmern sich um die Alten nebenan, die andern stellen massenweise Fotos von Leuten ins Netz, die sich angeblich falsch verhalten. Spaziergänger im Park und Väter mit vollen Einkaufswagen kommen in Nahaufnahme an den Twitter-Pranger.

          Doch warum hat der Blockwart einen legitimen Grund, draußen zu sein, der Geblitzte aber nicht? Vielleicht bringt der Familienvater auch noch seinen alten Eltern Klopapier mit, und vielleicht macht die WG einen vorsichtigen Spaziergang, weil sie sich eh die Wohnung teilt.

          Sogar die Polizei ist gelassener als so mancher Privatwachtmeister. In der Partystadt Berlin berichten die Beamten von größtenteils einsichtigem Jungvolk. Auf Twitter warnen sie die Denunzianten: „Die ggf. noch geöffnete Kneipe ist kein Grund, unseren Notruf zu wählen.“

          Besonders unschön: Kranke müssen als Sündenböcke herhalten. „Corona-Brocken“, „Virenschleuder“ und „selbst schuld“, heißt es da. In Dörfern werden ihre Häuser mit Straßenkreide „gekennzeichnet“, Urlaubsrückkehrer als „Krankheitsbringer“ geächtet, Menschen, die irgendwie asiatisch aussehen, diffamiert.

          Ja, es ist jetzt das Wichtigste, Abstand zu halten. Und ja, das haben noch nicht alle verstanden. Weil sich unter „exponentiellem Wachstum“ nur wenige etwas vorstellen können, solange die meisten gesund sind. Besonders Jugendliche und alle, die nicht ständig über die neuesten Entwicklungen informiert sind.

          Deshalb: Redet doch einfach miteinander, statt zu schimpfen. Lebt vor, was jetzt zu tun ist. Die Lage ändert sich jeden Tag. Da hilft keine Besserwisserei, sondern nur gemeinsames Lernen.

          4000 Kilometer weiter, im vom Virus überwältigten Iran, patrouillieren Bürgerwehren, weil der Staat versagt. In Deutschland brauchen wir das zum Glück nicht.

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung, gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.