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Jasper von Altenbockum (kum.)

Schulen und Pflegeheime : Ein Gefühl von Wut und Ärger

Ein Bewohner eines Seniorenheims in seinem Zimmer (Symbolbild) Bild: dpa

Seit Wochen wird über den Corona-Alltag in Schulen gestritten, aber kaum über die Zustände in Pflegeheimen. Sollte es nicht umgekehrt sein? So verpasst man, was dringend nötig ist: eine Langzeitstrategie.

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          Eine bemerkenswerte Schlagseite der Corona-Debatte besteht darin, dass über Wochen sehr viel über Schulen gestritten, aber nur wenig über den Alltag in Alten- und Pflegeheimen geredet wurde. Ein Grund dafür dürfte sein, dass über den Schulen immer das Damoklesschwert der Schließung hing, außerdem der Präsenzunterricht umstritten war und ist. Es gibt andere Möglichkeiten, Hybrid- und Wechselmodelle. Aber die Unwucht der Debatte überrascht trotzdem.

          Die Ruhe über den Pflegeheimen kontrastiert mit Nachrichten, die eigentlich aufschrecken sollten. Eine Umfrage der Diakonie brachte jetzt zutage, dass die Pflegekräfte zwar inzwischen ausreichend mit Schutzkleidung versorgt sind, nicht aber mit Corona-Tests. Die sind aber mindestens ebenso wichtig.

          In der repräsentativen Befragung berichtete fast die Hälfte der Pflegekräfte im Oktober, dass für sie solche Tests „gar nicht“ zur Verfügung stünden. Nur 17 Prozent sagten, sie fühlten sich „ausreichend“ versorgt. Es verwundert nicht, dass angesichts dieses Mangels in den sensibelsten Bereichen der Pandemie die „Gefühle der Wut und des Ärgers“ unter den Befragten zugenommen haben.

          Es ist gut möglich, dass sich daran inzwischen etwas geändert hat. Am 15. Oktober trat eine neue Testversorgung für Pflegeheime in Kraft, die über die Gesundheitsämter verwaltet wird. Jede Einrichtung musste dafür aber erst einmal eine Teststrategie vorlegen. Es bleibt der Eindruck, dass die Schulen durchaus ein Sorgenkind der Corona-Nation sein sollten, aber doch vor allem die Alten- und Pflegeheime. Fehlt ihnen eine Lobby, so wie sie die Lehrer haben?

          Das Robert-Koch-Institut hat jetzt auf den beunruhigenden Umstand hingewiesen, dass die Zahl der Toten in den Heimen stark steige und noch weiter steigen werde. Ihr Anteil an den Todesopfern ist ohnehin sehr hoch. Man kann das damit erklären, dass die Bewohner der Heime zu den besonderen Risikogruppen gehören. Die „zweite Welle“, die von jüngeren Leuten ausging, ist demnach nun dort „angekommen“. Die Ankunft, sollte man hinzufügen, scheint aber auch das Ergebnis von Nachlässigkeit oder falscher Orientierung zu sein. Wer so viel über Schulen und so wenig über Heime streitet, ist vielleicht in der falschen Richtung unterwegs.

          Ein Strategiefehler im Teil-Lockdown?

          Darin einen Strategiefehler im Teil-Lockdown zu sehen, ist vielleicht übertrieben. Es werden sich aber die Stimmen mehren, die es seit langem gibt und die eine stärkere Konzentration der Pandemiebekämpfung auf die „vulnerablen Gruppen“ fordern – eben die Alten- und Pflegeheime.

          Da geht es nicht um Isolation oder Besuchsverbote. Um das zu verhindern und trotzdem eine wirkungsvolle Prävention gegen Ansteckungen zu gewährleisten, gibt es schließlich die Tests. Eine flächendeckende Versorgung mit Corona-Tests sollte dazu führen, dass eine Diakonie-Umfrage nicht die skandalösen Ergebnisse haben muss wie die jetzt veröffentlichte.

          Aber auch jetzt: das übliche Bild. Wer soll laut Jens Spahn mit Schnelltests versorgt werden, so dass jederzeit ein Corona-Test durchgeführt werden kann? Die Schulen, die Lehrer. Das ist nicht falsch und sei ihnen gegönnt, da sie sich jeden Tag einer besonderen Gefährdung aussetzen. Für Alten- und Pflegeheime gilt das aber noch viel mehr. Für den Rest der Gesellschaft könnte die Bekämpfung der Pandemie dann vielleicht sogar in einem Rahmen stattfinden, von dem jetzt so viel gesprochen wird, den aber noch niemand gefunden hat: im Rahmen einer Langzeitstrategie.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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