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Einreisesperre : Keine Zeit für Belehrungen

In Amsterdam Bild: AP

Es ist nicht die Zeit für besserwisserische Belehrungen und einen Irrglauben an eigene Unverwundbarkeit und völlige Autonomie. Das gilt für Menschen wie Nationen.

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          Was für ein Zeichen: Während des zähen Ringens um einen halbwegs geordneten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stellen Staaten auf dem Kontinent den Flugverkehr von der Insel ein oder erwägen Einreisesperren. Der Grund, eine Mutation des Coronavirus, hat nichts mit dem Brexit zu tun, verdeutlicht aber einmal mehr, in welcher Schicksalsgemeinschaft nicht nur Europa, sondern alle Länder dieser Erde leben. Die Absicht, möglichst koordiniert zu handeln, wird dabei mitunter von der Pflicht zur unmittelbaren Gefahrenabwehr überholt, die gegenüber den eigenen Bürgern besteht.

          Und in dieser Hochphase der Pandemie will und kann man sich keinen Fehler und kein falsches Zögern mehr leisten. Auch wenn also jene Mutation nicht besonders gefährlich sein sollte und mit den demnächst verfügbaren Impfstoffen bekämpft werden kann, so darf man sich jetzt keine Blöße mehr geben. Vor allem dann nicht, wenn der Ursprung der neuen Gefahr eingrenzbar ist.

          Dass auch Eilmaßnahmen legitimiert sein müssen, gehört mittlerweile zum gesicherten Erfahrungsschatz der Krise. Das gilt für die Zuständigkeit über parlamentarische Beteiligung bis hin zur angemessenen Anwendung einer Maßnahme im Einzelfall. Auch das hat dazu beigetragen, dass die beschlossenen Beschränkungen von einer breiten Mehrheit nicht etwa nur murrend getragen, sondern unter den waltenden Umständen als vernünftig akzeptiert werden – samt einer bemerkenswerten Offenheit gegenüber weiteren Eingriffen, sollte es die Lage erfordern.

          Hier zeigt sich, dass auch im immer noch christlich geprägten Wohlstandsland der Reiseweltmeister mutmaßlich heilige Kühe so heilig dann doch nicht sind. Weihnachten ist ja auch nicht abgeschafft und das Reisen nicht verboten. Aber auch die Kirchen und die Gläubigen wissen eben, was wirklich wichtig ist und wie man das Heilige auch auf andere Weise feiern kann. In keinem Fall ist es die Zeit für besserwissende Belehrungen und einen Glauben an eigene Unverwundbarkeit und völlige Autonomie, der schon immer ein Irrglaube war. Das gilt für Menschen wie für Nationen.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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