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Corona in Friedrichshafen : Die Ansteckungsgefahr durch Urlaubsheimkehrer eindämmen

Der zuständige Minister Lucha (Grüne) mit Maske im Landtag Bild: dpa

Rückkehrer aus Belgrad und Zagreb hielten sich offenbar nicht an Quarantäne-Regeln und steckten viele im Raum Friedrichshafen an. Ein möglicher Shutdown bedroht den Tourismus am Bodensee.

          2 Min.

          Die Sommerferien beginnen im Südwesten am kommenden Donnerstag. Welche Probleme am Ferienende im September auf das Land mit Sars-CoV-2-infizierten Urlaubsrückkehrern zukommen könnten, zeigt sich schon jetzt. In Friedrichshafen am Bodensee war die Fieberambulanz im Juni schon abgebaut worden. Die Pandemie schien schon besiegt zu sein, jetzt steigen die Fälle rasant an. Anders als im März wird das Virus jetzt nicht aus Ischgl importiert, sondern aus Belgrad oder Zagreb. Im Juni waren nur noch ein Prozent der Infektionen mit dem neuartigen Virus auf Urlaubsheimkehrer zurückzuführen, Mitte Juli waren es schon wieder 15 Prozent, zwei Drittel der infizierten Rückkehrer hatten sich in den Westbalkan-Staaten aufgehalten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Im Bodenseekreis soll ein Reiserückkehrer aus Serbien nun für zwölf infizierte Schüler an sechs Schulen sowie drei infizierte Erwachsene verantwortlich sein. In dem Landkreis sind derzeit insgesamt 19 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, hiervon sind 15 auf den Heimkehrer zurückzuführen. Verglichen mit etwa fünfzig Neuinfektionen pro Tag in Baden-Württemberg könnte sich die wegen der Pandemie noch beliebter gewordene Urlaubsregion binnen kurzer Zeit zu einem Infektionshotspot entwickeln. Die Sieben-Tage-Inzidenz in dem Landkreis mit 217.000 Einwohnern stieg von 0,46 auf 8,2. Käme es zu einem lokalen Lockdown, hätte das vor allem für die Tourismusindustrie fatale Folgen.

          Besonders und beunruhigend an diesem Fall ist, dass sich der Rückkehrer wohl nicht an die Quarantäne-Regeln hielt: Er nahm an einer privaten Familienfeier teil, steckte dort am 15. Juli zwei Familienmitglieder an, die betroffenen Familien stellte das Gesundheitsamt unter Quarantäne, doch muss eine Tochter diese wiederum ignoriert haben: Sie nahm an einer Geburtstagsfeier teil, infizierte dort nach bisheriger Kenntnis dann die besagten Schüler verschiedener Schulen. Außerdem ignorierte die Familie vermutlich die Vorschrift des Schulgesetzes, wonach Fernreisen in den Fernlernphasen nicht gestattet sind. Viele Bürger in Friedrichshafen sind über das „unglaublich verantwortungslose Verhalten“ der Eltern entsetzt.

          Immer einen Schritt hinter den Bayern?

          Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Die Grünen) sagte am Dienstag, das oberste Ziel müsse es sein, eine zweite Infektionswelle zu verhindern. Ob es eine landeseigene Teststrategie für Urlaubsheimkehrer geben werde, sei noch nicht entschieden, er wolle die Entscheidungen der Gesundheitsministerkonferenz am Mittwoch abwarten. Einige Unternehmen, auch in der Bodenseeregion, wollen auf die Politik nicht warten: Sie wollen ihren Urlaubsrückkehrern anbieten, die Kosten für einen Corona-Test nach einwöchiger Quarantäne zu übernehmen. Andere Firmen drohen ihren Mitarbeitern mit fristlosen Kündigungen, wenn sie nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet die Quarantäne-Vorschrift missachten.

          Wie häufig, wenn es darum ging, die Corona-Teststrategien an die Veränderungen der Lage anzupassen, ist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) anderen Länderchefs einen Schritt voraus: Er kündigte am Wochenende an, die Urlaubsheimkehrer an den Flughäfen zu testen. Außerdem dürfte die Zahl freiwilliger Tests von Urlaubern in den nächsten Monaten in Bayern größer sein, weil dort das Land die Kosten übernimmt, auch wenn keine Symptome vorliegen. Dass Lucha bei Schlachthöfen, Schulen und jetzt bei Urlaubsheimkehrern zögerlich agiert, sorgt sogar in seiner eigenen Partei für Unmut. Der ehemalige grüne Wirtschaftsstaatssekretär Rezzo Schlauch sagte der F.A.Z.: „Söder hat gehandelt, nachdem deutlich geworden ist, dass Urlaubsrückkehrer eine hohe Infektionsgefahr ins Land bringen. Er lässt an den Flughäfen testen. Wir sind immer hintendran.“

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