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Corona in der Pflege : Wer schützt die Alten?

Besuch verboten: Informationsblatt in der Eingangstür des Altenpflegeheims St. Josefshaus in Frankfurt Bild: Frank Röth

Alte und Kranke müssten am stärksten vor dem Coronavirus geschützt werden. Aber ausgerechnet in Heimen mangelt es an Schutzausrüstung – und an Pflegekräften. Bis zu 200.000 Menschen könnten in Not geraten.

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          Benötigt werden Atemschutzmasken, Kittel, Desinfektionsmittel. Die Vorräte reichen nur einige Tage, zwei Wochen vielleicht, höchstens drei. „Wir sind vorbereitet, so gut es geht“, sagt Andreas Haupt. Er leitet ein Pflegeheim des Roten Kreuzes in Bad Friedrichshall bei Heilbronn in Baden-Württemberg, derzeit sind dort 52 Personen untergebracht. Bis Donnerstag hatte niemand in dem Heim sich mit Corona angesteckt, kein Bewohner und kein Pfleger, doch wie schnell die Vorräte schwinden, konnte Haupt schon beobachten.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Eine Bewohnerin kam kürzlich aus dem Krankenhaus zurück ins Heim; zwei Wochen lang sollte sie unter Quarantäne gestellt werden. „Unsere Pfleger sind nur mit Schutzkleidung in ihr Zimmer gegangen, damit sich im Fall der Fälle niemand ansteckt und das Virus sich nicht im Haus verbreitet“, sagt Haupt. Doch nach wenigen Tagen waren in dem Heim dadurch so viele Atemschutzmasken verbraucht, dass man eine andere Lösung finden musste. Die hochbetagte Frau wurde vor Ablauf der Quarantäne auf das Virus getestet, zum Glück negativ, so konnte das Heim an der wichtigen Schutzausrüstung sparen.

          Wie schlimm es werden kann, wenn sich das Coronavirus ausgerechnet in einem Pflegeheim ausbreitet, also unter alten und oft kranken Menschen, macht dieser Tage ein Fall aus Würzburg deutlich. Im dortigen Seniorenheim St. Nikolaus sind schon zehn Menschen nach einer Corona-Infektion gestorben. Von 149 Heimbewohnern seien 29 positiv getestet worden, sagte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) am Mittwoch.

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          Er ist auch Vorsitzender des Stiftungsrates des Würzburger Bürgerspitals, zu dem die Einrichtung gehört. Und das Virus machte nicht bei den Bewohnern halt. Von den 86 Mitarbeitern seien 33 positiv getestet geworden, hieß es. Am Dienstag habe man mit Tests begonnen, um die gesamte Belegschaft sowie alle Heimbewohner in der Einrichtung zu überprüfen, sagte Schuchardt.

          Krankenhäuser wurden bevorzugt

          Noch ist unklar, wo genau die Infektion in dem Heim ihren Anfang nahm. In vielen Ländern dürfen Pflegebedürftige keinen Besuch von Angehörigen mehr bekommen, damit die Infektionsgefahr möglichst gering bleibt. Es liegt auf der Hand, dass gerade Pfleger sich vor dem Virus schützen können müssen, um es nicht versehentlich an die Schwächsten in der Gesellschaft weiterzugeben – einen Sicherheitsabstand kann schließlich niemand einhalten, dessen Aufgabe es ist, einen anderen Menschen zu waschen und anzuziehen.

          Überall im Land fehlt es an der nötigen Schutzausrüstung, ein Verteilungskampf deutet sich an. Mehrere Pflegeverbände kritisieren, dass die Pflege im Vergleich mit Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten bei der Ausstattung mit Masken, Handschuhen und Desinfektionsmittel bislang zu kurz gekommen sei.

          Es gebe Schwierigkeiten bei der Beschaffung und der Verteilung des Materials, kritisierte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. „Der Schwerpunkt des Nachschubs für Schutzausrüstung lag offenbar bisher bei den Krankenhäusern und Arztpraxen.“ Gerade dort, wo mögliche Krankenhausfälle verhindert werden könnten, in der ambulanten und stationären Langzeitpflege, „lässt man die Pflegenden allein und ohne ausreichende Schutzausstattung“, rügte der Verband. Die Landesregierungen seien in der Pflicht, für ausreichend Schutzausrüstung zu sorgen.

          Auch beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste ist ähnliche Kritik zu hören. „Es ist gut und sinnvoll, dass die Krankenhäuser und die niedergelassenen Ärzte jetzt die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Politik bekommen“, sagte Ralf Geisel, Landesvorsitzender des Verbands in Hessen. „Wenn aber die Versorgung der pflegebedürftigen und erkrankten Menschen in den Pflegeheimen und durch die ambulanten Dienste zusammenbrechen würde, wäre jedes noch so gute medizinische Versorgungssystem sehr schnell am Ende.“

          Pflegekräfte aus Osteuropa fehlen

          Auch für ambulante Dienste wird es wegen der Corona-Epidemie immer schwerer, Pflegebedürftige zu Hause zu betreuen. Weil Pflegekräfte aus Osteuropa vielfach nicht mehr nach Deutschland kommen, rechnet der Verband für häusliche Betreuung und Pflege damit, dass bis zu 200.000 alte Menschen bald nicht mehr versorgt sein könnten. Beim Sozialverband VdK geht man von 100.000 bis 200.000 Pflegebedürftigen aus, die bald in Not sind.

          Nach Ansicht des Münchner Sozialarbeiters und Pflegefachmanns Claus Fussek ist die Situation bei den ambulanten Pflegediensten noch dramatischer als in den Heimen. „Die Pfleger können sich noch weniger vor einer Infektion schützen, weil sie ständig in verschiedene Haushalte müssen“, sagt Fussek. Grundsätzlich seien die Träger in der Verantwortung, ihr Personal zu schützen. „Dabei arbeiten viele Pfleger schon jetzt am Limit.“

          Andreas Haupt hätte in seinem Pflegeheim in Bad Friedrichshall zwar die Möglichkeit, vorübergehend Alte und Kranke aufzunehmen, die nicht mehr zu Hause betreut werden können. Doch anstatt zusätzliche Plätze anzubieten, muss er wegen neuer rechtlicher Vorgaben sogar welche abbauen. „Wir hatten früher 86 Plätze und müssen diese etwa halbieren“, sagt er.

          Lange Zeit waren die Bewohner in Doppelzimmern untergebracht. Seit einigen Monaten gebe es in Baden-Württemberg aber die Anforderung, dass Doppelzimmer mindestens 22 Quadratmeter groß sein müssen – die Zimmer in Bad Friedrichshall sind aber nur 19 Quadratmeter groß. „Wenn es im ambulanten Bereich wegen Corona zu einem Notstand kommt, könnten wir Pflegebedürftige übernehmen, aber wir dürften es nicht“, sagt Haupt.

          Zugleich beschäftigt auch ihn und seine Mitarbeiter, dass die Epidemie eines Tages in dem kleinen Heim bei Heilbronn ankommen könnte. „Eine Kollegin hat das psychisch nicht geschafft, die haben wir erst mal nach Hause geschickt“, sagt Haupt. Das Rote Kreuz im Raum Heilbronn hat schon vor einigen Tagen verfügt, dass Heime keine neuen Senioren mehr aufnehmen dürfen; auch die ambulanten Dienste im Kreis schließen keine neuen Versorgungsverträge mehr ab.

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