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Konflikt um Impfangebot : STIKO wartet bei Entscheidung zu Impfung von Kindern weiter ab

  • Aktualisiert am

Ein Kinder- und Jugendarzt drückt am 9. Juni 2021 in Berlin ein Abtupftuch an die Stelle, an der eine junge Frau mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von BioNTech/Pfizer geimpft wurde. Bild: dpa

Berlins Regierender Bürgermeister verteidigt die Pläne, Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot zu machen – auch ohne Empfehlung der Ständigen Impfkommission. Deren Vorsitzender Mertens beharrt darauf, dass weiterhin notwendige Daten fehlten.

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          Die Ständige Impfkommission (STIKO) bleibt trotz politischen Drucks bei ihrer abwartenden Haltung zur Impfung von Kindern und Jugendlichen. Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens sagte am Montag dem Sender NDR Info, es gebe noch zu wenige Daten über mögliche gesundheitliche Folgeschäden für 12- bis 17-Jährige. „Wir sagen, wir können nicht eine generelle Empfehlung aussprechen, solange wir diesbezüglich nicht die notwendige Datensicherheit haben.“

          Politischer Druck für eine schnelle Entscheidung habe keinen Einfluss auf die STIKO, machte Mertens deutlich. „Es kann durchaus sein, dass wir unsere Empfehlung ändern werden, aber sicher nicht, weil Politiker sich geäußert haben“, sagte der STIKO-Vorsitzende.

          Gesundheitsminister beraten über Impfangebot

          An diesem Montag beraten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern über Corona-Impfangebote für Jugendliche. „Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für 12- bis 17-Jährige in den Impfzentren anbieten“, schreibt das Bundesgesundheitsministerium in einem an die Länder versendeten Beschlussvorschlag.

          Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Mai den Covid-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen, vor wenigen Tagen folgte auch die Freigabe für Moderna. Für Deutschland empfiehlt die Stiko die Impfung trotz heftigen politischen Drucks bisher jedoch nur vor allem Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben.

          Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller verteidigte am Montag die Pläne, Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot zu machen. Obwohl die STIKO hier noch zögere, seien viele Ärzte und Wissenschaftler der Ansicht, dass eine Impfung junge Menschen deutlich besser schütze, sagte der SPD-Politiker am Montag im ARD-„Morgenmagazin“. In Berlin sei bereits zu sehen, dass die Gruppe der 15- bis 25-Jährigen eine doppelt bis vierfach so hohe Inzidenz aufweise wie andere Bevölkerungsgruppen. Darauf zu reagieren und ein Angebot zu machen, das keine Pflicht sei, halte er für „sehr sachgerecht“.

          Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält Corona-Impfungen von Kindern ab zwölf für angemessen. Dass die Politik hier jetzt Fakten schaffe, sei richtig, sagte er im Deutschlandfunk. Die wesentlichen Studien zur Impfung von Kindern zeigten, dass eine Durchseuchung mit der Delta-Variante des Coronavirus gefährlicher sei als eine Impfung. Wissenschaftlich komme er klar zu dem Ergebnis, dass Impfungen Kindern helfen.

          Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC, die weltweit wohl die besten Fachleute habe, empfehle die Impfung von Kindern. In den USA seien mehr als sechs Millionen Kinder geimpft, die Immunisierung sei hier gut untersucht.

          Nach gut sechs Wochen Ferien beginnt in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern an diesem Montag das neue Schuljahr. Es sind die ersten Bundesländer in Deutschland, in denen der Unterricht wieder beginnt – im Zeichen des Coronavirus. In Schleswig-Holstein müssen alle Schüler in den Innenräumen in den ersten drei Wochen des Schuljahres Masken tragen. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich zweimal pro Woche selbst testen. Das gilt für Schüler ebenso wie für alle Beschäftigten.

          Auf den Schulhöfen müssen die Mädchen und Jungen keine Masken mehr anlegen. Sie dürfen sich im neuen Schuljahr auch draußen wieder in beliebigen Gruppen aufhalten – die „Kohortenregelung“ fällt weg.

          Maskenpflicht in den ersten beiden Schulwochen

          In Mecklenburg-Vorpommern gilt in den ersten beiden Schulwochen Maskenpflicht im Unterricht. Außerdem müssen die Schüler und die ungeimpften Lehrer zweimal pro Woche einen Corona-Test machen. In der zweiten Schulwoche soll es Impfangebote für die Jugendlichen ab 16 Jahren in der Schule geben, in der ersten Woche soll der Bedarf dafür abgefragt werden.

          Aus Sicht von Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sind die Startchancen für das neue Schuljahr deutlich besser als 2020. Hintergrund sind besonders die Fortschritte beim Impfen. Auch bei der Digitalisierung an den Schulen sei man deutlich vorangekommen. Impfaktionen an Schulen für Schüler ab zwölf Jahren und für Beschäftigte sollen am 19. August beginnen.

          Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) hatte angekündigt, die Schulen auch bei hohen Inzidenzzahlen nicht präventiv flächendeckend schließen zu wollen. Die Gesundheitsämter der Landkreise und kreisfreien Städte sollen Entscheidungen unter Beachtung der regionalen Infektionszahlen sowie der Krankenhauseinweisungen und Intensivpatienten treffen. Mecklenburg-Vorpommern hat bislang eine der niedrigsten Corona-Inzidenzen bundesweit, sie steigt allerdings.

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