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Jasper von Altenbockum (kum.)

Impfschwänzer und Impfmuffel : Verkehrung des Gemeinwohls

Vorbereitung einer Impfung, hier in Tokio Bild: dpa

In der Pandemie treibt die Haltung „Sollen sich alle anderen doch gefälligst nach mir richten“ seltsame Blüten. Darin steckt eine Verkehrung des Gemeinwohls.

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          Eines hat sich in der Pandemie nicht geändert: die Anspruchshaltung vieler Bürger. Das ist auch jetzt wieder zu beobachten, da die Knappheit an Impfstoffen in den vorhergesagten Überfluss mündet. Der Staat soll für kosten- und reibungsloses Impfen sorgen, aber wenn es einem nicht in den Kram passt, soll er sehen, wo er mit seinem Impfstoff bleibt. Termine wurden offenbar in vielen Fällen vereinbart, aber nicht eingehalten.

          Bei der Erstimpfung lässt sich das noch mit Mehrfachbuchungen erklären. Die Ausfallquote betrifft immerhin zwanzig Prozent der Termine. Bei den Zweitimpfungen sind es „nur“ fünf Prozent. Abgesehen von der Sorglosigkeit, die dahintersteckt: In beiden Fällen ist die Gefahr groß, dass Impfstoff vernichtet werden muss, und dass nicht abgesagte Termine für andere bedeuten, dass sie nicht früher geimpft werden konnten.

          Auch weil die Delta-Variante wieder Termindruck und Engpässe verursachen kann, ist beides unverantwortlich. Es ist deshalb keine Drangsal, „Impfschwänzen“ so zu ahnden wie Falschparken.

          Wachsender Impfdruck auf Kinder und Jugendliche

          Ob eine solche Bewehrung des Impfregimes allerdings gegen eine andere Anspruchshaltung hilft, die der Impfgegner und Impfmuffel, ist fraglich. Es gibt zu viele Erwachsene, die aus Leichtsinn, Trotz oder Überzeugung ungeschützt bleiben wollen, aber im Falle eines Falles erwarten, dass alle anderen sich nach ihnen richten. Darin steckt eine Verkehrung des Gemeinwohls.

          Der wachsende Impfdruck auf Kinder und Jugendliche für die Zeit nach der Sommerpause wäre nicht nötig, wenn sich alle Erwachsenen schützen ließen. Aber hilft das auch gegen die Delta-Variante? Die Ständige Impfkommission empfiehlt bislang die Impfung unter anderem nur für solche Kinder ab 12, die mit gefährdeten Personen in Berührung kommen.

          Derzeit ist zwar noch nicht wirklich klar, wen die Delta-Variante gefährdet, wen nicht. Der beste Schutz auch für Kinder und Jugendliche ist aber nach wie vor die Herdenimmunität im Rest der Bevölkerung. Politischer Druck sollte sich gegen die Anspruchshaltung richten, die das verhindert, nicht gegen die Impfkommission.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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