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Corona-Impfstoff für die EU : Keine Rede mehr von Impfversagen

EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen bei einer Pressekonferenz in Brüssel am 8. Januar Bild: dpa

Die EU gibt weitere Impfstoff-Bestellungen bekannt. Wie schnell die geliefert werden, entscheidet über das Tempo der Impfungen. Beruhigt hat sich die Diskussion über eine angebliche deutsche Zusatzbestellung zu Lasten der EU.

          3 Min.

          Die EU-Kommission bemüht sich in diesen Tagen redlich, die Kritik an ihrer „Impfstoffstrategie“ mit guten Nachrichten aufzufangen. Am Freitag hatte Behördenchefin Ursula von der Leyen die EU-Bestellung von zusätzlichen 300 Millionen (und damit insgesamt 600 Millionen) Dosen des Vakzins von Biontech und Pfizer angekündigt. Am Dienstag teilte die für die Verhandlungen mit den Herstellern zuständige EU-Chefunterhändlerin Sandra Gallina im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments abermals Erfreuliches mit. Auch der schwedisch-britische Hersteller Astra-Zeneca hat nun bei der EU-Arzneimittelbehörde Ema die Genehmigung seines Vakzins beantragt. Gallina sagte, sie erwarte eine Zulassung am 29. Januar. Außerdem berichtete sie vom Abschluss von Vorverhandlungen mit dem französisch-österreichischen Hersteller Valneva mit dem Ziel, von dessen Impfstoff 30 Millionen Dosen fest und weitere 30 Millionen als Option zu bestellen.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Ähnliche Vorverhandlungen hat die EU auch mit dem amerikanischen Hersteller Novavax abgeschlossen. Hier sind je 100 Millionen Dosen Festbestellungen und Optionen vorgesehen. Dazu kommt die Order von insgesamt bis zu 2,3 Milliarden Dosen – teils fest, teils als Option – von sechs Herstellern: Biontech-Pfizer (bis zu 600 Millionen) und Moderna (160 Millionen), deren Impfstoff schon genehmigt ist, sowie Astra-Zeneca (400 Millionen), Johnson & Johnson (400 Millionen), Curevac (405 Millionen) und Sanofi (300 Millionen).

          Dieses Bestellvolumen reicht längst für jeden EU-Bürger. Für eine schnelle Impfung ist aber das Tempo der Lieferung entscheidend. Mit Blick auf den Biontech-Impfstoff kalkuliert die Brüsseler Behörde bislang eher vorsichtig damit, dass die 600-Millionen-Dosen-Order bis Jahresende abgearbeitet sei. Allerdings kündigte Biontech am Montag an, man könne bis dahin nicht nur wie bisher kalkuliert 1,3 Milliarden, sondern 2 Milliarden Dosen produzieren.

          Für die EU-Bestellung dürfte das bedeuten, dass der Impfstoff schneller als geplant ausgeliefert werden kann – auch wenn sich keine Seite auf Termine festlegen will. Nach Angaben aus der Kommission spielt dabei auch eine Rolle, dass nach einer Ema-Entscheidung von vergangener Woche sechs und nicht nur fünf Dosen je Ampulle verimpft werden können, sofern spezielle Nadeln benutzt werden.

          Mehr bestellt als die Vereinigten Staaten 

          Hoffnung setzt die Kommission auch darauf, dass Astra-Zeneca nach der Genehmigung relativ schnell produzieren kann. Bis in den Herbst hinein schien dessen Impfstoffentwicklung am weitesten fortgeschritten. Es gab dann in der klinischen Prüfphase einen Rückschlag, der nun aber aufgearbeitet ist. In Großbritannien wird das Vakzin schon verabreicht. Für die Impfstoffe von Johnson & Johnson und Curevac hofft man in Brüssel auf eine Genehmigung bis spätestens April.

          Nicht nur wegen dieser positiven Nachrichten hat sich die Diskussion über das angebliche Impfversagen der EU beruhigt. Es hat sich auch herausgestellt, dass die EU – anders als ihr in der vergangenen Woche vorgeworfen wurde – nicht wirklich weniger vom Biontech-Impfstoff bestellt als die Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten hatten zwar schon im Sommer 500 Millionen Dosen geordert, davon aber nur 100 Millionen fest, den Rest als Option. Die EU-Bestellungen begannen zwar später, belaufen sich aber jetzt auf die genannten 600 Millionen, von denen 500 Millionen fest sind.

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          Deutschland hat in den Verhandlungen früh garantiert, dass man bis zu 100 Millionen abnehmen werde – sonst wäre die Bestellung vielleicht gar nicht zustande gekommen. Darauf weist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einem auf Montag datierten Brief an alle Bundestagsabgeordneten hin. Da die EU ihr Bestellvolumen auf 600 Millionen Dosen erhöht hat, hat Deutschland auf 108 Millionen Dosen Anspruch – das entspricht dem deutschen Anteil an der EU-Bevölkerung. Von Moderna sind es knapp 30 Millionen Dosen. Der Impfstoff der beiden Hersteller sollte für alle impfwilligen Bürger reichen – aber erst bis Jahresende.

          Vorrang für Lieferungen an die EU

          Nicht mehr die Rede ist nun von einem bilateralen Extravertrag mit Biontech-Pfizer, mit dem Berlin sich angeblich zusätzlich 30 Millionen Dosen gesichert hat. Endgültig geschlossen wurde dieser Vertrag offenbar nie, weil er gegen die europäischen Abmachungen vom Sommer verstoßen hätte. Jetzt geht er in der erhöhten EU-Bestellung auf. Gallina machte am Dienstag deutlich, dass einzelne Staaten erst dann Zusatzverträge mit den Herstellern abschließen könnten, wenn die jeweilige EU-Bestellung ausgeschöpft ist. „Jedenfalls ist klar, dass die Lieferungen an Europa Vorrang haben.“

          Sollte die Kommission noch mehr vom Biontech-Vakzin bestellen, würde eine deutsche Zusatzorder wohl erst 2023 ausgeliefert – und wäre dann aus heutiger Sicht kaum noch nötig. Spahn beruft sich in seinem Brief denn auch nicht mehr auf die deutschen Zusatzbestellungen, sondern hebt hervor, dass bis Ende März etwa 10,1 Millionen Dosen vom Biontech-Pfizer-Vakzin verfügbar sein werden, von Moderna etwa 1,8 Millionen Dosen. Von beiden Wirkstoffen müssen zwei Dosen geimpft werden.

          Da die deutsche Zusatzbestellung nun „verschwunden“ ist, hat sich die Kritik einzelner EU-Staaten am vermeintlichen deutschen Sonderweg wieder beruhigt. Am Dienstag mäkelten nur noch einige italienische Lega-Abgeordnete, Berlin habe versucht, das dickere Portemonnaie einzusetzen. Unzufrieden waren etliche EU-Parlamentarier zunächst noch damit, dass sie weder die Verhandlungen mit den Herstellern noch die Verträge transparent nachvollziehen konnten. Doch das sollte sich am Dienstag ändern: Erste Abgeordnete konnten die Verträge einsehen.

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