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Booster-Impfung : Lauterbachs kategorischer Imperativ

Politik der eingeschlafenen Füße? Lauterbach am Donnerstag im Bundestag Bild: dpa

Fast flehentlich appelliert der Gesundheitsminister an Ungeimpfte – die Opposition wirft ihm hingegen eine Politik der eingeschlafenen Füße vor.

          3 Min.

          Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist ein großer Verfechter der Impfpflicht, will bis zu ihrer Einführung aber alles daran setzen, dass Ungeimpfte ausreichend geschützt werden. Im Bundestag wies der SPD-Politiker am Donnerstag darauf hin, dass es noch immer viele nichtimmunisierte ältere Bürger gebe, diese seien durch die neue Corona-Variante Omikron besonders gefährdet. Das zu leugnen sei „fahrlässig“. Genauso wenig dürfe man die Aussage akzeptieren, diese Gruppe hätte aufgrund ihrer Entscheidung gegen das Impfen das Recht auf Schutz verwirkt. „Eine solche Haltung ist unethisch, denn im Kampf um das Überleben mit einer Krankheit, die so heimtückisch den Menschen zerstören kann, ist jeder gleich, geimpft oder ungeimpft“, sagte Lauterbach.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Zugleich forderte er fast flehentlich alle Bundesbürger auf, sich impfen zu lassen. Omikron sei für Ungeimpfte besonders gefährlich. Schon eine erste Impfung schütze gegen einen schweren Verlauf und vor Tod. „Ich appelliere an Ihre Vernunft, ich appelliere an Ihre Solidarität“, so der Minister. „Viele von uns bringen große Opfer, um Sie zu schützen. Bitte ergreifen Sie die Gelegenheit zumindest zur ersten Impfung.“

          Einen weitreichenden Schutz böten allerdings nur die Doppelimpfung und anschließend die Auffrischung, das so genannte Boostern. Seit seinem Amtsantritt seien 55 Millionen zusätzliche Boosterdosen gekauft worden, so dass der Weg jedermann offenstehe. „Durch diese Kampagne kann es gelingen, aus der Wand der Omikron-Variante einen steilen Hügel zu machen oder zumindest die Höhe der Wand zu begrenzen.“ Das Gesundheitssystem werde geschont, „so dass auch Krebspatienten und Herzpatienten immer gut versorgt werden. Auch das muss unser Ziel sein.“

          Neue Mutationen erwartet

          Lauterbach begrüßte die Entscheidung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Donnerstag, die Booster-Impfung für 12- bis 17-Jährige zu empfehlen. Tobias Tenenbaum, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, sagte der F.A.Z., eigentlich fehlten noch Studiendaten zur Drittimpfung von Kindern und Jugendlichen: „Um aber schwere Erkrankungen auch in dieser Altersgruppe jetzt zu verhindern, sollte man konsequenterweise eine Boosterung durchführen, da zweifach Geimpfte sehr häufig Durchbruchsinfektionen haben.“ 

          Fast alle Fachleute erwarteten neue Mutationen. Lauterbach sagt: „Wir müssen auch in Zukunft mit gefährlichen und besonders ansteckenden Varianten rechnen.“ Die vorhandenen Impfstoffe wirkten bei allen Varianten gegen schwere Verläufe und Tod, angepasste Vakzine könnten das in Zukunft leisten. „Daher ist für mich der sicherste und schnellste Weg aus der Pandemie heraus die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht“, so Lauterbach. Medizinisch hält sie der Minister für geeignet, die Frage ist für ihn aber, ob sie sich auch moralisch vertreten lässt.

          „Belagerungszustand beenden“

          Seine Antwort dazu fällt klar aus: „Wer sich dem Impfangebot verweigert, verletzt das moralische Gebot des kategorischen Imperativs im Sinne von Immanuel Kant.“ Denn eine solche Verweigerung könne nie die von Kant geforderte Maxime des Handelns für alle Menschen sein. „Wenn wir uns alle weigerten, die gut erforschte und nebenwirkungsarme Impfung zu nutzen, würden wir die Pandemie wahrscheinlich nie beenden.“ In der Kombination von Impfung und medikamentöser Therapie solcher Personen, die trotz Impfung erkrankten, liege der Schlüssel zum Sieg gegen das Virus.

          Über die Impfpflicht beende man „die Opfer, die die vielen Pflichtbewussten erbringen“, einschließlich der Kinder. „Wir beenden damit einen Belagerungszustand unserer Gesellschaft durch das Virus“, so Lauterbach. „Wir haben die Mittel in der Hand, wir sollten sie ergreifen. Wir sollten eine allgemeine Impfpflicht einführen: gründlich, aber so in der Zeit, dass wir ein viertes Jahr der Pandemie nicht erneut so eröffnen müssen, wie wir jetzt gezwungen sind, es zu eröffnen.“

          Die Unionsfraktion als größte Oppositionskraft bot Lauterbach einerseits die Zusammenarbeit gegen das Virus an, zeigte sich andererseits enttäuscht, dass das Ministerium ihren schriftlichen Fragenkatalog zum Hintergrund der Impfpflicht nicht beantwortet habe. Die Regierung müsse endlich einen Gesetzentwurf dazu vorlegen, den die Union dann prüfen werde. Die Impfgeschwindigkeit reiche nicht aus, kritisierte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge. So sei offen, wie die angekündigten weiteren 30 Millionen Auffrischungen bis Ende Januar zu erreichen seien. Von Lauterbach komme zu diesen Fragen nur „dröhnendes Schweigen“, Der Minister mache keine Politik der ruhigen Hand, sondern eine „Politik der eingeschlafenen Füße.“

          AfD bestreitet Wirksamkeit der Impfung

          Der AfD-Gesundheitspolitiker Martin Sichert bestritt die Wirksamkeit der Impfung. Obgleich es in Bremen die höchste Quote gebe, seien die Inzidenz und die Hospitalisierungsraten dort höher als anderswo. Impfungen hätten „massive Nebenwirkungen“, Ungeimpfte würden diskriminiert. Kathrin Vogler von der Linksfraktion kritisierte das privatisierte und „kaputtgesparte“ Gesundheitssystem, das Reiche schone und Arme belaste. Die geplante Coronaprämie nur an bestimme Pflegekräfte zu zahlen, sei ungerecht.

          Dagmar Schmidt (SPD) kündigte eine Debatte über die Impfpflicht für die nächste Sitzungswoche an. Über das Thema müssten alle Demokraten „sachlich und ergebnisorientiert diskutieren“. Erwin Rüddel (CDU) wies darauf hin, dass es neben Corona weitere wichtige gesundheitspolitische Themen gebe, etwa die Krankenhausfinanzierung oder die Zukunft der „Sozialgarantie“. Die von Schwarz-Rot eingeführte Begrenzung aller Sozialbeiträge auf 40 Prozent sei angesichts der hohen Inflation „für Millionen Menschen von besonderer Bedeutung.“

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