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Impfbereitschaft der Deutschen : Die Ansprache macht den Unterschied

Es ist genug für alle da: Impfungen ohne Termin auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil Bild: Albermann, Martin

Der Staat könnte ganz einfach deutlich mehr Menschen zum Impfen bewegen. Wenn er seine Bürger bloß richtig ansprechen würde.

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          Es wird in diesen Tagen viel davon gesprochen, wie es gelingen kann, mehr Menschen zur Corona-Impfung zu bewegen. Braucht es Anreize, ist mehr Druck nötig? Fachleute sind sich darin einig, dass etwas geschehen muss. Knapp 64 Prozent der Bürger in Deutschland haben bereits mindestens eine Impfung gegen das Coronavirus bekommen, das sind gut 53 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen dürften auch bald doppelt geimpft sein. Und der Rest? Übrig bleiben schätzungsweise 20 Millionen Menschen, die älter sind als zwölf Jahre. Für sie sind Impfstoffe in großer Menge verfügbar, die zugelassen sind und von Fachleuten überdies empfohlen werden. Trotzdem waren die zwanzig Millionen bislang weder für die Impfkampagnen von Bund und Ländern erreichbar noch für die niedergelassenen Ärzte. Was also tun?

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Anscheinend kommt es auch auf die Sprache an. Auf die Art, wie der Staat die Leute zur Nadel bittet. Mit welchen Worten er sie in die Verantwortung nimmt. Diesen Schluss legt eine neue Studie von drei deutschen Wissenschaftlern nahe. Im Mai war das Ende der Priorisierung absehbar, die Corona-Impfstoffe würden bald allen offenstehen, nicht nur Älteren und Vorerkrankten. Die Verwaltung der Stadt Bad Nauheim, eine halbe Autostunde nördlich von Frankfurt gelegen, hat ihren Bürgern damals einen Brief nach Hause geschickt, in dem sie zur Impfung einlud. Unterschrieben haben der Bürgermeister sowie die Direktoren zweier örtlicher Krankenhäuser. Was die Bad Nauheimer damals nicht wissen konnten: Sie waren Teil eines Feldversuchs in der Corona-Krise. Denn die Stadtverwaltung hat mit Unterstützung der Wissenschaftler zwei unterschiedliche Fassungen des Impfbriefs an die Haushalte geschickt. Insgesamt gingen 27298 Schreiben in die Post, die Hälfte der Empfänger bekam die erste Fassung, die andere Hälfte die zweite. Die Versionen unterschieden sich nur in sprachlichen Details, nicht in Aufbau oder Intention des Textes. Doch diese Details hatten einen messbaren Einfluss auf das Impfverhalten der Menschen, wie die Wissenschaftler herausgefunden haben.

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