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Corona im Raum Gütersloh : Die Zeichen stehen auf Lockdown

Der Schlachtbetrieb von Tönnies ist geschlossen. Bild: dpa

Wegen des Corona-Ausbruchs im Raum Gütersloh steigt der bundesweite R-Wert. Einen Lockdown wollte Ministerpräsident Armin Laschet bislang vermeiden – doch das könnte sich nun ändern.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Nach dem Corona-Massenausbruch im Stammwerk des Fleischunternehmens Tönnies zeichnete sich am Montag ab, dass es im Kreis Gütersloh nun doch zu einem Lockdown kommt. Am Montag teilte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) über den Nachrichtendienst Twitter mit, der erste Teil des Lockdown sei mit der vergangene Woche vom Kreis verfügten Schließung von Schulen, Kitas und der Quarantäne für 7000 Tönnies-Mitarbeiter umgesetzt. Nun seien Fachleute des Robert-Koch-Instituts (RKI) und andere Wissenschaftler im Kreis unterwegs. „Deren Empfehlungen folgen weitere Maßnahmen“, so Laschet. Am Abend sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) dann in Gütersloh, „es riecht ein bisschen nach Lockdown“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Bisher hatten sich sowohl Laschet als auch Adenauer optimistisch gezeigt, dass sich das Infektionsgeschehen klar auf das Unternehmen Tönnies und seine Mitarbeiter lokalisieren lasse und ein Übergreifen auf die übrige Bevölkerung im Kreis nicht zu befürchten sei. Adenauer sagte nun, die Lage habe sich im Vergleich zu Sonntag verändert. Es seien weitere Abstriche bei den über den ganzen Kreis verteilt wohnenden Tönnies-Mitarbeiter genommen worden. Zahlreiche weitere Tests seien positiv ausgefallen. Insgesamt gab es nach Angaben des Krisenstabs unter den 7000 Tönnies-Mitarbeitern nun 1553 positiv auf das Virus getestete Personen.

          Die SPD warf Laschet Zögerlichkeit vor. Thomas Kutschaty, der SPD-Fraktionsvorsitzende im nordrhein-westfälischen Landtag, sagte, angesichts des größten Corona-Hotspots in Europa handele der Ministerpräsident verantwortungslos. Der SPD-Landesvorsitzende Sebastian Hartmann äußerte: „Für Laschet ist der Ausbruch bei Tönnies der Mega-GAU und nicht nur eine weitere Panne in einer schier endlosen Kette seit Beginn der Corona-Krise.“ Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Epidemiologe Karl Lauterbach kritisierte, dass in Ostwestfalen noch keine schärferen Maßnahmen angeordnet wurden.

          „Es ist falsch, dass es jetzt keinen kurzen Lockdown mit einem massiven Testaufgebot gibt, um das tatsächliche Infektionsgeschehen in der Region anhand genügend großer Stichproben genau einschätzen zu können“, sagte Lauterbach der Zeitung „Rheinische Post“. Zudem warnte er vor einem freien Reiseverkehr der Menschen aus der Region Gütersloh. Weil in der kommenden Woche in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien beginnen, könne sich das Virus „potentiell sehr weit verteilen“, warnte Lauterbach.

          Durch neue Ausbrüche des Coronavirus in einzelnen Regionen Deutschlands hat sich die für die Ausbreitungsbeobachtung wichtige Reproduktionszahl zuletzt deutlich erhöht. Das geht aus dem aktuellen Lagebericht des RKI hervor. Demnach stieg der sogenannte R-Wert am Sonntag auf 2,88; am Vortag betrug er noch 1,79. Das bedeutet, dass ein mit dem Virus Infizierter im Mittel zwischen zwei und drei weitere Menschen ansteckt. Weil es in Deutschland insgesamt weniger Infektionsfälle gebe, beeinflussten lokale Ausbrüche die Reproduktionszahl relativ stark.

          Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) stehen vor einem Wohnhaus in Rheda-Wiedenbrück.

          Insbesondere der Ausbruch im Kreis Gütersloh spiele ein große Rolle, so das RKI. Dadurch ist die sogenannte Sieben-Tages-Inzidenz im ostwestfälischen Kreis Gütersloh auf 263,7 gestiegen. Der Wert zeigt an, wie viele Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner aus einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt gemeldet werden.

          Nach einer Vereinbarung von Bund und Ländern sollten ab der Marke von 50 wieder stärker Beschränkungen in Betracht gezogen werden. Allerdings gilt auch, dass dieser Wert keine Rolle spielt, wenn es sich um einen lokal eingrenzbaren Infektionsherd handelt.

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