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Corona-Hotspot in Sachsen : Kurz vor der Triage

  • -Aktualisiert am

Ein Rettungswagen fährt auf das Gelände vom Klinikum Oberlausitzer Bergland gGmbH im sächsischen Zittau. Bild: dpa

Im Landkreis Görlitz fehlt Personal zur Betreuung von Intensivpatienten. Erste Kliniken nehmen keine neuen Patienten mehr auf.

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          Im Oberlausitzer Bergland-Klinikum Zittau standen am Mittwoch die Telefone nicht mehr still. Reporter wollten wissen, ob die Berichte über eine bereits angewendete Triage – also die ärztliche Entscheidung, welchen Patienten im Notfall bei knappen Ressourcen überhaupt noch eine Behandlung gewährt werden kann – stimmen. Am Abend zuvor hatte der ärztliche Direktor der Klinik auf einem Video-Bürgerforum in Zittau auch über die täglich knapper werdende Kapazität der medizinischen Versorgung in der Region gesprochen. „Dabei ist der Begriff der ‚Triage’ gefallen“, teilte eine Sprecherin des Klinikums am Mittwoch mit. Eine Anwendung der Triage dementierte sie jedoch. Richtig sei, dass die große Zahl an Covid-19-Patienten sowohl die extra eingerichtete Infektionsstation als auch die Intensivstation der Klinik nahezu auslaste. An den zwei Standorten des Klinikums seien von maximal 100 Betten für Corona-Patienten in Spitzenzeiten rund 85 belegt. Allerdings fehle es an Personal, weshalb nicht alle dieser Betten auch tatsächlich zur Verfügung stünden. Daher stoße die intensivmedizinische Betreuung es Hauses „an die Grenzen des Leistbaren“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In Sachsen stellt die stark steigende Zahl der Corona-Infektionen immer mehr Kliniken vor große Probleme. Der Landkreis Görlitz, in dem auch Zittau liegt, zählt zu den Regionen mit den höchsten Fallzahlen in ganz Deutschland. „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht“, hatte der ärztliche Direktor des Zittauer Klinikums, Mathias Mengel, dem Portal „T-Online“ gesagt. Der „Sächsischen Zeitung“ zufolge habe Mengel bei dem Bürgerforum auf Nachfrage erläutert, dass es vor allem um die Entscheidung gehe, wer von den Patienten verlegungs- und transportfähig sei. Zittaus Bürgermeister Thomas Zenker, der an der Videokonferenz teilgenommen hatte, habe noch in der Runde gesagt, dass er es „für richtig und wichtig“ halte, „es zu benennen, damit allen klar werde, wie die Situation wirklich ist“, sagte er dem Blatt.

          Andere Zuhörer erklärten gegenüber der Zeitung, dass Mengels der Begriff Triage kurz vor Ende der Diskussion „rausgerutscht“ sei. „In keiner Weise ist dort der Eindruck entstanden, dass man entscheidet, ob man einem Menschen hilft oder nicht“, sagte der Sprecher der Hausärzte des Kreises, der sich unter den Zuhörern befand. Die Sprecherin des Klinikums, Jana-Cordelia Petzold, sagte der F.A.Z., dass bisher alle Patienten, die vor Ort nicht behandelt werden konnten, umgehend ausgeflogen worden seien. Es gebe ein festes Klinik-Netzwerk, das mit dem Hubschrauber in kurzer Zeit erreichbar sei. Allerdings neigen sich auch die Kapazitäten anderer Häuser der Belastungsgrenze; einige Kliniken in Sachsen nehmen inzwischen keine neuen Corona-Patienten mehr auf. Sollte die Möglichkeit der Verlegung „nicht mehr gegeben werden, verschärft sich die ohnehin angespannte Situation deutlich“, sagte Petzold. Von rund 600 Intensiv-Pflegekräften des Klinikums seien zurzeit mehr als 100 erkrankt oder in Quarantäne.

          Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) sagte am Mittwoch in Dresden, sie könne keinen Fall von Triage im Freistaat bestätigen. Die Äußerung des ärztlichen Direktors habe sie vielmehr als „Warnruf“ verstanden. Die Verantwortlichen in Zittau wollten damit offenbar zeigen, dass sie bei weiter steigenden Infektionszahlen nicht mehr wüssten, wie sie ihre Patienten versorgen sollen. Spätestens jetzt müssten alle „die Schwere der Situation“ begreifen.

          Nach wie protestieren jedoch auch in Zittau und dem angrenzen Oberlausitzer Bergland jedes Wochenende hunderte Menschen gegen die Corona-Politik der Regierung. Doch anders als während der ersten Welle im Frühjahr, als ganz Sachsen nicht einmal 5000 Corona-Fälle verzeichnete, stieg die Zahl im Herbst binnen weniger Wochen auf fast das Zwanzigfache an. Täglich kommen mehr als 100 Fälle hinzu, bei denen Betroffene mit oder anderem Virus starben. Inzwischen sind im Freistaat fast 2000 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben. Die Zahl der Neuerkrankungen je 100000 Einwohner binnen einer Woche, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, stieg am Mittwoch auf 407 Fälle. Das ist deutlich mehr als das Doppelte des deutschen Durchschnitts. In den Landkreisen Bautzen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge stieg der Wert auf mehr als 600 Neuinfektionen.

          Der Information diente am Dienstagabend auch das Video-Bürgerforum in der Stadt im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck, das rund 100 Zuhörer verfolgten. Das Thema lautete „Corona in Zittau und der Oberlausitz – hinter den Kulissen der Pandemie“ und sollte Bürgern die Möglichkeit geben, direkt von Medizinern Einschätzungen zu erhalten und sich von der Lage ein Bild zu machen.

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