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Leopoldina zur Pandemie : Psychosoziale Folgen für Kinder stärker berücksichtigen

Zeitweise waren sogar die Spielplätze gesperrt: Bewegungsmangel während der Lockdown-Zeiten verursachte gravierende motorische und psychische Beeinträchtigungen für viele Kinder (Szene auf einem Spielplatz in Niedersachsen, Hodenhagen im Juli 2020). Bild: dpa

Kinder und Jugendliche haben unter der Corona-Pandemie besonders stark gelitten. Die Nationalakademie Leopoldina gibt nun Empfehlungen, wie ihre Situation grundlegend verbessert werden könnte.

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          Die Nationalakademie Leopoldina hat an Politik und Gesellschaft appelliert, die psychosozialen und edukativen Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche stärker zu berücksichtigen. Es sollte nicht nur darum gehen, „pandemiebedingte Defizite auszugleichen, sondern die Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland soll nach der Pandemie besser als vorher sein“, heißt es in der achten Ad-hoc-Stellungnahme, die am Montag veröffentlicht wurde. Auch wenn nicht alle Kinder und Jugendlichen in gleicher Weise unter der Pandemie gelitten haben, habe es vor allem diejenigen getroffen, die ohnehin unter ungünstigen Bedingungen aufwüchsen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Leopoldina hält es deshalb für vordringlich, Bildungseinrichtungen unter geeigneten Schutzmaßnahmen offenzuhalten, zumal der Präsenzbetrieb sowohl für Kita-Kinder wie für Schüler die effektivste Art des Lernens ist. Sie plädiert für einen Ausbau der digitalen Infrastruktur der Bildungseinrichtungen. Es geht ihr dabei nicht nur um Hardwareausstattung, sondern auch um IT-Fachkräfte, die sie warten, sowie um Aus- und Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte in Kitas und Schulen.

          Körperliche und seelische Wirkungen des Bewegungsmangels

          Außerdem hält sie eine langfristige und effektive Sprachförderung durch standardisierte frühe Sprachdiagnostik und den Ausbau einer alltagsintegrierten sprachlichen Bildung als festen Bestandteil der Kindertagesbetreuung für unerlässlich. Die Stundentafel in den Grundschulen müsse angepasst werden, um vorrangig Rückstände in den Kernfächern Deutsch und Mathematik aufzuholen, sowie zusätzliche Förderinstrumente für Schüler mit schwächeren schulischen Leistungen in der Primar- und Sekundarstufe zu etablieren. Hier schließt sich die Leopoldina den Forderungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz an.

          Die Leopoldina legt einen deutlichen Akzent auf die psychosozialen Folgen und die körperlichen wie seelischen Wirkungen des Bewegungsmangels während der Pandemie. Künstlerische, musische und handwerkliche Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen, die pandemiebedingt weitgehend zum Erliegen kamen und nicht empirisch untersucht wurden, werden nur erwähnt.

          Die Arbeitsgruppe, in der vor allem Mediziner, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher mitgearbeitet haben, hält es für nötig, eine bewegungsfördernde Infrastruktur mit täglichen Bewegungsangeboten in Kitas und Schulen auszubauen und umfassende Programme zur Förderung eines gesunden Lebensstils (Ernährung, Schlaf, körperliche Aktivität) auszubauen. Außerdem müssten pädagogische Fachkräfte in Kitas und Lehrer in Schulen besser über die frühen Warnzeichen auftretender psychischer Probleme Bescheid wissen und dafür sensibilisiert werden. Die Wartezeiten für Therapien psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters sollten verkürzt sowie evidenzbasierte Maßnahmen ausgeweitet werden.

          Sprachförderbedarf bei jedem fünften Kind

          In einem ersten Kapitel über die Entwicklung junger Menschen wird vor allem auf die Plastizität des Gehirns hingewiesen. In der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gebe es „Plastizitätsfenster“, die sich öffnen und wieder schließen. Das gilt insbesondere für den Spracherwerb. „Nur bei einem adäquaten sprachlichen Input zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr haben Kinder mit Migrations- und Fluchtgeschichte eine Chance, Deutsch akzentfrei und grammatisch richtig zu lernen“, heißt es in der Stellungnahme.

          Schon vor der Pandemie sei etwa bei jedem fünften Kind ein Sprachförderbedarf festgestellt worden, im Jahr 2019 hatten außerdem mehr als ein Viertel der Viertklässler, das sind fast 200.000 Kinder, so niedrige mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen, dass sie vermutlich nach dem Übertritt in die Sekundarstufe I in beiden Bereichen nicht anschlussfähig lernen können, heißt es im zweiten Bildungskapitel der Stellungnahme.

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          Während des zweiten Lockdowns sei bei den jüngeren Schülern überdies eine erhebliche Reduktion der individuellen Lernzeit festzustellen gewesen. Schüler- und Elternbefragungen während der beiden Schulschließungsphasen haben ergeben, dass bildungsferne Schüler oft keinen Online-Unterricht hatten und auch im zweiten Lockdown nur in 39 Prozent der Fälle im gesamten Klassenverband. Eine zusammenfassende Analyse von mehr als 2,5 Millionen Schülern aus fünf Ländern zeige, dass etwa 23 bis 35 Prozent Lernzeitverluste durch Schulschließungen im ersten Lockdown erlitten.

          Frühe Sprachstandsdiagnostik unerlässlich

          Die Lerneinbußen bei Kindern im Grundschulalter seien größer als bei älteren Kindern und in Mathematik deutlicher als in der Schulsprache. Für um so wichtiger halten die Wissenschaftler eine frühe Sprachstandsdiagnostik für alle Kinder im Alter von drei Jahren mit standardisierten Tests. Kinder mit besonderem Sprachförderbedarf müssten langfristig gefördert und ihre Eltern mit einbezogen werden.

          Schon vor der Pandemie bewegten sich Kinder und Jugendliche zu wenig. Nur 26 Prozent der Kinder und Jugendlichen erfüllten die Mindestanforderung der WHO von einer Stunde Bewegung am Tag mit mindestens moderater Intensität. Im zweiten Lockdown nahmen die Aktivitäten noch einmal erheblich ab. Waren es im ersten Lockdown noch 146,8 Minuten am Tag, waren es im zweiten Lockdown nur noch 62, 2 Minuten. Vor allem Aktivitäten mit höhere Bewegungsintensität fehlten.

          Zu den langfristigen psychischen Auswirkungen und einer möglichen Mehrung von Selbstmordgedanken gibt es bisher keine belastbaren Untersuchungen. Bei allen Momentaufnahmen des psychischen Befindens haben Kinder und Jugendliche aber über verstärkte Ängste und depressive Symptome wie Energielosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit berichtet. Für um so wichtiger halten die Forscher evidenzbasierte Maßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Therapie psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters.

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