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Lockdown-Folgen : Ethikrat fordert mehr Therapie-Angebote für Schüler

Eine leere Schule im Dezember 2020 im baden-württembergischen Heitersheim Bild: dpa

Essstörungen, Süchte, Angsterkrankungen und Depressionen: Aus psychischen Belastungen sind dem Ethikrat zufolge während der Pandemie oft manifeste psychische Erkrankungen geworden.

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          Eine Begegnung von Kindern und Jugendlichen mit dem Deutschen Ethikrat Ende September hat dem Ethikrat offenbar auch eigene Versäumnisse gezeigt. Darauf wies die Vorsitzende Alena Buyx am Montag in Berlin hin. Jedenfalls hat das Gremium jetzt bemerkenswert offen eingestanden, dass es sich zwar in einer Stellungnahme der großen pandemischen Belastungen für Kinder und Jugendliche angenommen hat, „nach rückblickender Einschätzung allerdings zu spät“ und zu wenig.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Gesellschaft ist aus der Sicht des Ethikrats Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen viel schuldig geblieben, auch das Eingeständnis, dass in der Pandemie deren Belange und psychische Belastungen in der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung und Gestaltung – auch durch den deutschen Ethikrat – nicht ausreichend Beachtung erfahren haben.

          Dieses Versäumnis hat der Ethikrat zum Anlass genommen, am Montag in Berlin eine Ad-hoc-Empfehlung zum Thema „Pandemie und psychische Gesundheit“ zu veröffentlichen und mehr Augenmerk auf die Belange von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu fordern. Viele der jüngeren Generation hätten die Veränderungen der Tagesabläufe während der Pandemie mit der Verlagerung des Lernens in den digitalen Raum erstaunlich gut bewältigt. Dennoch bleibe die Erfahrung der Pandemie gekennzeichnet durch „Vereinsamung, Isolation und Angst, übermäßigen Medienkonsum sowie das Fehlen äußerer Strukturen, die dem Leben üblicherweise Halt geben“, heißt es in der Empfehlung.

          Kinder sehen Not von Altersgenossen

          Lerndefizite seien früh thematisiert worden, dass Bildungsorte auch soziale Lebensorte sind, sei dagegen oft übersehen worden. Viele Jugendliche hätten bei der Begegnung mit dem Ethikrat auf das stumme Leid der jüngeren Geschwister hingewiesen, deren Sprachvermögen noch nicht weit genug entwickelt war, um fehlende Begegnungen mit digitalen Formen zu kompensieren oder ihre Not mitteilen zu können. Es waren die Jugendlichen selbst, die berichteten, wie schlecht es ihren Altersgenossen in sozial schwachen Familien ergangen ist – vor allem beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule oder von der Grundschule in die weiterführende Schule, von der Schule zur Ausbildung oder zum Studium.

          Familien hätten zwar Halt und Sicherheit geboten, soweit die Eltern das neben ihrer Berufstätigkeit womöglich im Homeoffice leisten konnten, allerdings habe es auch zahllose Konflikte bis hin zu Gewalterfahrungen mit körperlicher Misshandlung oder sexualisierter Gewalt gegeben. Die individuelle Resilienz dürfe kein Maßstab für die im Verlaufe der Pandemie eingetretenen Schäden sein. Belastungen müssten gemeinschaftlich kompensiert werden, wenn sie infolge politischer Entscheidungen eingetreten seien, sagt der Ethikrat. Sie zu kompensieren sei Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

          Essstörungen und Depressionen

          Aus psychischen Belastungen sind nach den Erkenntnissen des Ethikrats in vielen Fällen manifeste psychische Erkrankungen geworden, weil es an frühzeitiger, effektiv erreichbarer professioneller Begleitung und Hilfe fehlte. Bis heute fehle es an geeigneten Unterstützungsangeboten für Krankheiten, die zwar nicht altersuntypisch sind, aber pandemiebedingt verstärkt auftraten: Essstörungen, Süchte, Angsterkrankungen und Depressionen. Sie können leicht chronisch werden.

          In Zukunft müsse die Gesellschaft darauf achten, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht noch einmal derart einseitig in ihrer Lebensentfaltung beschränkt würden. Die Konzentration auf Gesundheit im Sinne körperlicher Unversehrtheit kritisiert der Ethikrat als defizitär, weil psychische und psychosoziale Integrität zu einem umfassenden Gesundheitsverständnis dazugehörten.

          Konkret hält der Ethikrat niedrigschwellige, flächendeckende schulpsychologische Angebote und psychosoziale Unterstützungsangebote durch Schulsozialarbeit et cetera für unerlässlich. Weil die Schule ein zentraler Lebensort ist, müssten lebensgestaltende und unterstützende Angebote auch in der Schule vorgehalten werden und mit der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe sowie dem Gesundheitswesen verbunden werden. Ohne eine klare Zuständigkeit der Schule drohe ein negativer Kompetenzkonflikt, der dazu führe, dass sich niemand zuständig fühle. Das sollte auch in den Hochschulen gelten. Problematisch ist der Fachkräftemangel in den entsprechenden Bereichen.

          Um Einrichtungen, Diagnostik und Beratungsangebote arbeitsfähig zu halten, sollte eine verlässliche Finanzierung gestärkt werden. Um besonders belastete Familien, Kinder und Jugendliche unterstützen zu können, brauche besonders die Kinder- und Jugendhilfe Ressourcen. Das schließe eine verbesserte Zusammenarbeit der Berufsgruppen an den Schnittstellen der Hilfesysteme ein. Nötig seien Informationskampagnen, die nicht stigmatisierend wirkten und niedrigschwellige Zugänge zu Beratungs- und Hilfsangeboten aufzeigten. Bestehende Hilfsangebote sollten durch umfangreiche, kostenfreie Freizeitangebote ergänzt werden, fordert der Ethikrat.

          Um möglichst vielen Bedürftigen einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu ärztlicher Diagnostik und Behandlung zu ermöglichen, tritt der Ethikrat für konkrete Pläne ein, wie mehr therapeutisches Personal gewonnen und die vorhandenen Ressourcen zielgerichtet verteilt werden können, wobei nicht wieder die sozial Schwachen und gesetzlich Versicherten die schlechtesten Chancen haben dürfen. Für dringend nötig hält der Ethikrat, die schon vorhandenen Angebote zu einem sinnvollen Versorgungsnetz zu verknüpfen, sie regelmäßig zu evaluieren und weiterzuentwickeln und vor allem verlässlich zu finanzieren. Beratung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation seien evidenzbasiert zu verbessern. Die Gesellschaft schulde Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen für deren Solidarität Dank und Respekt, „dies verpflichtet zu konkretem Handeln“ von politischer Seite, fordert der Ethikrat.

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