https://www.faz.net/-gpf-9yqaa

Eindämmung nach dem Exit : Jede Infektionskette zählt

Im Supermarkt kann man auch Fremde infizieren. Ohne App ist das nicht nachvollziehbar. Bild: dpa

Hangeln wir uns von einem Shutdown zum nächsten? Vermeiden lässt sich das nur, wenn alle Infizierten rechtzeitig isoliert werden. Dazu muss man sie aber erstmal finden. Die App steht in Zweifel. Dafür schickt Jens Spahn Containment-Scouts ins Land.

          5 Min.

          Jede Infektionskette soll nachvollzogen werden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Kabinettssitzung, auf der ein großes Maßnahmenpaket beschlossen wurde. Das Gesetz sieht Maßnahmen vor, um das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten und trotzdem das „normale Wirtschaftsleben“, wie es im Entwurf heißt, wieder hochzufahren. In den vergangenen Tagen wurde dazu eine Fülle von Maßnahmen angekündigt. Wir geben einen Überblick, inwiefern Testkapazitäten erhöht werden, wo Containment-Scouts helfen und wie sich dabei die Rolle der kommunalen Gesundheitsämter ändert. 

          Was tun die Containment-Scouts? 

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Um die 375 deutschen Gesundheitsämter dabei zu unterstützen, Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu finden, gibt das Bundesgesundheitsministerium insgesamt 11,25 Millionen Euro aus. Beim Robert-Koch-Institut, das dem Ministerium direkt unterstellt ist, werden gerade Hilfskräfte geschult, die den Mitarbeitern in den Ämtern das Herumtelefonieren in Teilen abnehmen sollen. Insgesamt will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf diese Weise 105 Teams von je fünf Personen zusammenstellen. Probleme, die 525 benötigten Helfer zusammenzubekommen, hatte der Bund offenkundig nicht. Das Bundesverwaltungsamt, das für die Ausschreibung zuständig war, verzeichnete nach eigenen Angaben schon vor Ablauf der Bewerbungsfrist mehr als 11.000  Bewerbungen.

          Bis Ende März konnten sich Interessenten dort melden. Die Ausschreibung richtete sich vor allem an „Studierende, die bereit sind, ein Urlaubssemester einzulegen“, wie es darin heißt. Bis zu sechs Monate können Interessierte an einem Ort ihrer Wahl in Vollzeit als „Unterstützungspersonal Krisenmanagement“ arbeiten, 2325 Euro brutto zahlt der Staat dafür jeden Monat. Bewerber sollten, wie es in der Ausschreibung heißt, über „Belastbarkeit und Stresstoleranz“ verfügen. Am Telefon sollen sie Covid-19-Patienten nach Kontaktpersonen befragen und diese dann anrufen. Das Robert-Koch-Institut schult die Interessenten über das Internet, vor allem im Umgang mit der Software.

          In einigen Städten und Gemeinden haben die ersten „Containment-Scouts“ bereits die Arbeit aufgenommen, vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Dort sind die Helfer schon in einer Reihe von Städten und Gemeinden im Einsatz, unter anderem in Dortmund, Bochum, Düsseldorf und Münster. In Gütersloh ist das Team von fünf Helfern seit dem vergangenen Freitag im Einsatz, um am Telefon Kontaktpersonen von Infizierten zu recherchieren.

          Werden die Gesundheitsämter der Lage Herr?

          Die Lage in den Gesundheitsämtern hat sich in den vergangenen Wochen dank der Kontaktsperre deutlich verbessert. Der Leiter des Gesundheitsamtes Köln, Johannes Nießen, sagte der F.A.Z., dass man die Lage deutlich besser als zu Beginn der Pandemie unter Kontrolle habe. „Die kontaktreduzierenden Maßnahmen zeigen Wirkung“, sagte Nießen. „Wir haben uns personell verdoppelt auf insgesamt 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.” Das Gesundheitsamt Köln habe sich in ein „Corona-Amt“ verwandelt. Ähnliches schildern andere kommunale Behörden. In Hannover, München und Frankfurt geht man angesichts der Lockerungen nicht von einem Anstieg der Fälle aus – allerdings immer unter der Prämisse, dass sich die Bürger an die Maßgabe der Kontaktreduktion halten.

          Gesundheitsämter, die die Nachverfolgung in ihrer Kommune oder ihrem Landkreis nicht leisten können, müssen das künftig den Landesaufsichtsbehörden anzeigen, damit diese Abhilfe schaffen können. Im Robert-Koch-Institut sollen 40 Stellen geschaffen werden; ein Mitarbeiter soll jeweils Kontakt zu bis zu zehn Gesundheitsämtern halten. In wie vielen Fällen es bislang gelingt, die Infektionsketten nachzuvollziehen, können die Gesundheitsämter nicht beziffern. In Frankfurt verweist die dortige Behörde auf Anfrage darauf, dass die statistischen Daten über die geklärten Infektionsketten nicht vorliegen. „Es gibt immer wieder Ausbrüche und kürzere Infektionsketten mit einer Weiterverbreitung in Familien“, heißt es dort.

          Weitere Themen

          Massenproteste gegen polnische Regierung Video-Seite öffnen

          Umstrittenes Abtreibungsgesetz : Massenproteste gegen polnische Regierung

          In Warschau sind mehr als 100.000 Menschen zusammengekommen, um gegen das strenge Abtreibungsgesetz zu protestieren. Viele Frauenrechtsorganisation äußerten ihren Unmut über den konservativ-katholischen Kurs der Regierungspartei PiS.

          Topmeldungen

          Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

          Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

          In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
          Wahlkämpferisch: Donald und Melania Trump am Freitag bei einer Veranstaltung in Tampa, Florida.

          Wahl in Amerika : Gespaltene Staaten

          Aus dem zivilisierten Wettstreit um die politische Macht zwischen Rot und Blau ist in den Vereinigten Staaten ein radikaler Kampf um alles oder nichts geworden; das liegt nicht nur an Donald Trump. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.