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Menschenkette am Bodensee : „Die zweite Welle ist konstruiert“

Hand in Hand gegen die Corona-Maßnahmen: Menschen bilden eine sogenannte Friedensmenschenkette, die durch Deutschland, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz rund um den Bodensee führen soll. Bild: dpa

Tausende Menschen demonstrierten am Tag der deutschen Einheit in Konstanz – die einen für, die anderen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.

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          Am Seeufer in Konstanz, zwischen Klein Venedig und dem Stadtgarten, gelingt den Gegnern der Pandemie-Bewegung um 15.30 Uhr der Zusammenschluss einer kurzen Menschenkette aus etwa 2200 Demonstranten. Geplant hatten die Veranstalter, zu denen federführend die Stuttgarter „Querdenker“ um den Unternehmer Michael Ballweg  gehören, eine 100 Kilometer lange Menschenkette mit 43 Sammelpunkten am Bodensee zu bilden, die Österreich, Deutschland und die Schweiz verbinden sollte. Dazu kommt es aber nicht. Die Menschenkette bleibt löchrig.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Konstanzer Seeufer stehen die meisten Corona-Gegner ohne Maske dicht an dicht. Viele geben sich die Hand, manche benutzen zur Abstandswahrung ein Tuch oder einen Regenschirm. Ein Ordner mit Megafon brüllt: „Schließt die Kette, stellt die Diskussionen ein.“ Zwei 19 Jahre alte Frauen aus dem Großraum Stuttgart sind an den Bodensee gereist, weil sie in die Pandemie-Politik der Bundes- und Landesregierung kein Vertrauen haben. „Wir leugnen Corona nicht, aber die Maske in der Schule muss weg. Die höhere Sterblichkeit kommt doch von der Hitze im Sommer. Die zweite Welle ist konstruiert, das wird von den Medien verschwiegen“, sagt eine 19 Jahre alte Frau, die Anfang des Jahres im Rahmen ihres „Freiwilligen Sozialen Jahres“ sogar auf einer Covid-Station gearbeitet hat.

          „Da werden die Fenster in der Schule aufgemacht, dann kommt kalte Luft rein, die Kinder werden krank, es wird allgemein zu viel getestet, deshalb kommt es zu den hohen Zahlen“, sagt die ebenfalls 19 Jahre alte Freundin der Frau. Beide sind der Meinung, dass sie von den Medien und manchen Politikern böswillig mit Rechtsextremisten in Verbindung gebracht werden.

          „Kein Test – kein Corona“

          Kleidung und Habitus der Anti-Pandemie-Politik-Demonstranten erinnern an Akteure der  Friedensbewegung oder der Bewegung „Occupy Wall Street“. Viele ältere Männer tragen Lederwesten und haben ihr Haar zu grauen Zöpfen geflochten. Ein Mann hat ein Fahne mit einer blauen Friedenstaube mitgebracht, ein anderer ein Transparent mit dem Pace-Symbol. An der Anlegestelle der Fähren der Bodensee-Schifffartsgesellschaft tanzt ein älteres Paar. „Kein Test – kein Corona. IM Erika – heute ist Zahltag“, ist auf einem Plakat zu lesen. Verschwörungstheoretiker bezeichnen Bundeskanzlerin Angela Merkel häufig als „Inoffizieller Mitarbeiterin“ (IM) der Staatssicherheit. Aus den Lautsprechern tönt die Corona-Version des Helene-Fischer-Hits „Atemlos“: „Maskenlos durch die Nacht, bis das Land erwacht“, lautet diese spezielle Variante des Songs.

          Für Konstanz, eine Universitätsstadt mit 85.000 Einwohnern, sind die Kundgebungen am Samstag und am Sonntag eine große Belastung. Die Polizei stellte sich für beide Tage vorsorglich auf 30.000 Teilnehmer der dreißig Kundgebungen ein, die angemeldet sind, die Mehrzahl allerdings von linken Verteidigern der Pandemiepolitik, etwa dem „Konstanzer Bündnis gegen Querdenker und Rechtsextremisten“ oder das breite Bündnis „Spread Love – not Corona“, zu dem zum Beispiel SPD, Grüne, Junge Union, die Israelitische Kultusgemeinde sowie die Evangelische Kirche und die Caritas  gehören.

          Etwa 300 Demonstranten von „Spread love – not Corona“ marschieren immer wieder vom Stadtgarten über den Hafen sowie das Seeufer bis zum Gebiet Klein Venedig, das direkt an der Schweizer Grenze liegt. Sie rufen: „Klar denken, statt quer spinnen“ oder „Wer mit Nazis geht, hat nichts kapiert.“ Die Kritiker der Pandemie-Politik rufen dann: „Wir lieben Euch doch, wacht endlich auf.“ Die grüne Jugend läuft die Strecke am Nachmittag drei Mal ab, damit die Bildung der Menschenkette möglichst nicht zustande kommt.

          In der Altstadt und am Münster versuchen andere Gruppen, die Bildung der Menschenkette zu verhindern. Carla Neckermann, die Sprecherin der grünen Jugend im Kreis Konstanz sagt: „Ich fände es furchtbar, wenn diese Menschenketten gebildet werden können und niemand darauf aufmerksam macht, dass von den Querdenkern antisemitische Mythen verbreitet werden. Es ist natürlich auch wichtig, außerdem gegen das Leugnen der Corona-Pandemie zu demonstrieren, hier wird die Meinungsfreiheit zu Lasten von Kranken und Schwachen missbraucht.“

          Auch die Gegendemonstration hat etwas zu sagen: Teilnehmende zeigen ihr Banner mit der Aufschrift „Kein Schulterschluss mit Rassismus und Faschismus“.
          Auch die Gegendemonstration hat etwas zu sagen: Teilnehmende zeigen ihr Banner mit der Aufschrift „Kein Schulterschluss mit Rassismus und Faschismus“. : Bild: EPA

          Die Reichskriegsflagge und Zeichen, die einen inhaltlichen Bezug zu den Verbrechen des Nationalsozialismus herstellen, hat die Stadt Konstanz per Verordnung verboten. Diese Flaggen sind am Konstanzer Seeufer nicht zu sehen. Allerdings haben unweit des Anlegestelle der Bodensee-Fähren Mitarbeiter des zumindest rechtspopulistischen Magazins „Compact“ einen Stand aufgebaut. Sie verteilen Querdenker-Fahnen. Nach Auskunft der Stadt Konstanz am Abend fanden sich zur Menschenkette im Stadtgebiet 2200 Menschen ein, an der Menschenkette am See sollen etwa 11.000 Gegner der Pandemie-Politik teilgenommen haben.

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