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Frankfurt und Bremerhaven : Parallelen zwischen Massen-Ausbrüchen

Ein riesiges Kreuz ist während eines Gottesdienstes zu sehen. Bild: dpa

Sie leben abgeschottet, pflegen einen radikalen Glauben und misstrauen dem Staat. Wieder bricht das Coronavirus in einer Gruppe von russland-deutschen Evangeliums-Christen aus.

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          Zwischen den aktuellen Corona-Ausbrüchen in einer Kirche in Frankfurt und einer Kirche in Bremerhaven gibt es eine Parallele: In beiden Fällen hat sich die Erkrankung unter „Evangeliums-Christen“ verbreitet, einer von Russlanddeutschen geprägten Sondergruppe. Im Zusammenhang mit der Frankfurter Gemeinde ist die Zahl der Infizierten nach Behördenangaben bis zum Freitag auf 200 gestiegen. Die dortigen Evangeliums-Christen haben inzwischen auch eingestanden, dass in ihren Gottesdiensten auf Mund-Nasen-Bedeckungen verzichtet und dort auch gesungen wurde.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Bei dem neuen Ausbruch in der Region Bremerhaven gibt es bisher 44 Erkrankte. Man müsse jedoch davon ausgehen, dass „die Zahl der Infizierten dreistellig werden kann“, teilte ein Sprecher der Stadt am Freitag mit. Weil die Angehörigen der Religionsgemeinschaft abgeschottet lebten, sei das Infektionsgeschehen zwar leichter eingrenzbar. Das Problem jedoch ist, dass die Familien der 800 bis 1000 Mitglieder zählenden Gemeinde oft groß sind. Bei einem Ehepaar wissen die Behörden von 16 Kindern. Mittlerweile wurden auch bereits zwei erkrankte Schulkinder identifiziert. Zu der Frage, ob die Bremerhavener Evangeliums-Christen gegen Hygieneauflagen verstoßen haben, machen die Behörden keine Angaben. Die Gemeinde soll die Teilnehmerzahl ihrer Gottesdienste zumindest auf jeweils 150 Personen beschränkt haben. Dem Verdacht, dass die Infektionskette in Bremerhaven mit der Infektionskette in Frankfurt zusammenhängen könnte, sind die Behörden bisher nicht nachgegangen.

          Die Bremerhavener Evangeliums-Christen selbst sind für Medienanfragen nicht zu erreichen. Warum das so ist, kann Pfarrer Janusz Blonski von der örtlichen Baptistengemeinde erklären. Blonski berichtet von fehlgeschlagenen Versuchen, die Evangeliums-Christen zu einer Mitarbeit in ökumenischen oder evangelikalen Netzwerken zu bewegen. Bei den Evangeliums-Christen handele es sich zwar ebenfalls um Baptisten. „Aber sie werfen uns vor, dass wir zu weltlich und zu lasch sind. Wir sind für sie verdorben“, berichtet der Pfarrer, in dessen eigener Baptistengemeinde ein striktes Hygienekonzept gilt.

          In den Gottesdiensten wird geweint und ekstatisch in Zungen geredet

          Die Darlegungen Blonskis über die Evangeliums-Christen aus Bremerhaven decken sich mit dem, was ein anderer Freikirchenpfarrer über die Frankfurter Evangeliums-Christen zu berichten weiß: Das Kennzeichen beider Gemeinden ist eine eigentümliche Frömmigkeit, die sowohl konservativ-traditionelle wie auch extrovertiert-charismatische Züge trägt. Frauen sind angehalten, lange Röcke zu tragen und ihr Haar zu bedecken. Gleichzeitig wird in den Gottesdiensten geweint und ekstatisch in Zungen geredet.

          Der Kenner der Frankfurter Evangeliums-Christen ordnet diese Bewegung den „Darbysten“ zu, die nach einem radikalen englisch-irischer Erweckungsprediger aus dem 19. Jahrhundert benannt sind. Der Darbysmus habe sich in den fünfziger Jahren später auch unter den Russlanddeutschen in der Sowjetunion ausgebreitet, berichtet der Freikirchenpfarrer. Und die damalige Verfolgungssituation wirke bei den Evangeliums-Christen bis heute fort. Nach jahrzehntelanger Existenz als Hausgemeinde im Untergrund blickten die Evangeliums-Christen mit Skepsis und Ablehnung auf die Maßgaben der staatliche Obrigkeit. An dieser Haltung habe sich auch durch die Umsiedelung nach Deutschland wenig geändert.

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