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Covid-19-Ausbruch in NRW : Hilferufe am späten Abend

Tests bei Angestellten und Anwohnern: Ein Corona-Testteam am Mittwoch bei einer Familie in Versmold Bild: Daniel Pilar

Im Kreis Gütersloh ziehen Einsatzteams von Tür zu Tür, um alle Tönnies-Mitarbeiter auf das Coronavirus zu testen. Für die Menschen in der Region ist der neue Covid-19-Ausbruch ein Schlag.

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          Ein rotes Backsteinhaus in Harsewinkel, Kreis Gütersloh. Ein Mann Mitte dreißig steht neben seiner Partnerin und seinem Kind vor der Haustür. Vor ihm stehen zwei Gestalten in weißer Schutzkleidung, die gerade ihr Test-Kit aus dem Malteser-Bus geholt haben. „Jetzt sagen Sie mal laut ‚Aaaa‘“, sagt einer der beiden und steckt dem Mann sein Teststäbchen vorsichtig in den Rachen. Zwei Schritte dahinter haben zwei Soldaten der Bundeswehr drei umgedrehte Plastikkisten zu einem provisorischen Schreibtisch aufgestapelt und kleben Strichcodes auf Formulare. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, die Schutzanzüge werden in Plastiksäcke verpackt, an jeder Wohnung müssen neue verwendet werden. Die drei Transporter verlassen das Wohnviertel, die nächste Adresse auf der Liste ist an der Reihe. 

          Noch bis Sonntag nächster Woche sind im Kreis Gütersloh täglich rund 40 Trupps unterwegs. In jedem Team sind drei Bundeswehrsoldaten, drei Einsatzkräfte aus Hilfsorganisationen und ein Dolmetscher dabei. Sie sollen alle Tönnies-Mitarbeiter, die jetzt mitsamt ihren Haushaltsangehörigen in Quarantäne sind, testen. Insgesamt sind das 3000 Personen in 650 Wohnungen. Nach dem Corona-Ausbruch in dem Fleischbetrieb in Rheda-Wiedenbrück hatte die Landesregierung am Dienstag für den Kreis Gütersloh beschlossen, zu den strengen Kontaktbeschränkungen zurückzukehren und einen „Lockdown“ zu verhängen.

          Auf den Listen, die die Trupps von den Ordnungsämtern erhalten, finden sich bis zu 20 Personen in einer einzelnen Wohneinheit. Dabei handelt es sich oft um rumänische oder bulgarische Werkvertragsarbeiter. „Wir erwarten bei vielen eine sprachliche Barriere“, sagt Matthias Köpp. Er ist Sprecher der Kreisfeuerwehr Gütersloh, auf deren Gelände die Trupps am Mittwochmorgen ihre Touren starten. „Wir waren letzte Woche noch ohne Dolmetscher unterwegs“, sagt Köpp. „Das hat an vielen Adressen gar nicht funktioniert.“ Auch in dem Team, das am Nachmittag Harsewinkel erreicht, bewährt sich der rumänische Dolmetscher. Nach einem Blick auf das Klingelschild schickt ihn der Gruppenführer an einer Wohnung vor. Er erfährt von den Bewohnern, dass sie nicht vom Subunternehmer mit Lebensmitteln und Hygieneprodukten versorgt werden, Freunde kaufen für sie ein. Der Gruppenführer notiert es.

          Keinen der Haushalte in Quarantäne zu vergessen, ist eine der beiden drängenden Aufgaben, die Theo Mettenborg, Bürgermeister von Rheda-Wiedenbrück, jetzt hat. Er erlebt seine größte Herausforderung in elf Jahren Amtszeit, wie er selbst sagt. Er ist beinahe rund um die Uhr gefragt. „Oft kommt spät abends der Hilferuf: Bei uns war noch niemand. Dann organisieren wir, dass Carepakete zu diesen Wohnungen gebracht werden“, sagt Mettenborg am Mittwochabend, bevor er zur Sitzung des Krisenstabs stößt.  

          Einsatzkräfte der Malteser und der Bundeswehr führen Coronatests in der Ortschaft Versmold durch, Aufnahme vom 24. Juni

          Der tagt jetzt jeden Abend, die Besprechungen dauern bis in die Nacht. Feuerwehr, Rettungsdienst, Jugendhilfe und Ordnungsamt sind involviert. „Wir bewerten den Tagesablauf und stellen sicher, dass wirklich alle in Quarantäne mit den Nötigsten versorgt sind“, so Mettenborg. „Wenn nicht, organisieren wir es, wenn es sein muss, bis tief in die Nacht.“ Am Samstag hatte Mettenborg ein Treffen mit den Subunternehmern, bei denen die Arbeiter angestellt sind. Dort hatten sie zugesagt, sich an der Verpflegung ihrer Angestellten zu beteiligen, die ihre Wohnungen nicht verlassen dürfen. Dass sie tatsächlich zuhause bleiben, wird unter Leitung des Ordnungsamts überwacht – die zweite drängende Aufgabe, die Mettenborg gerade bewältigen muss. „Um das Pandemiegeschehen möglichst im Griff zu halten, werten wir jeden Abend im Krisenstab aus, inwieweit die Quarantänevorgaben eingehalten werden“, sagt Mettenborg.

          Warteschlange für einen Coronatest vor der Carl Miele Berufsschule in Gütersloh am 24. Juni

          Enttäuschung kurz vor der Reisesaison

          Auch der übrigen Bevölkerung des Kreises wurden Tests in Aussicht gestellt. Noch diese Woche soll Rheda-Wiedenbrück ein eigenes Testzentrum bekommen, am Mittwochmittag wurde mit Unterstützung der Bundeswehr auch eines in Oelde eröffnet. Zuvor konnten die Bewohner des Kreises sich nur in Gütersloh testen lassen. Die dortige Teststation stieß am Mittwoch an ihre Grenzen, zeitweise bildeten sich lange Schlangen. Grund dürften die Schulferien sein, die jetzt bevorstehen. Wer etwa in Bayern Urlaub machen will, muss als Bewohner des Kreises Gütersloh ein negatives Testergebnis vorlegen. Aber auch mit negativem Testergebnis sei für viele noch unsicher, ob sie in den Urlaub fahren können, sagt Mettenborg. Einige hätten von ihren Hotels Absagen bekommen. „Für alle, die ihre Koffer schon gepackt hatten, ist das eine große Enttäuschung. Der Lockdown trifft die Familien mitten ins Herz.“

          Das hat auch mit der Stigmatisierung zu tun, die die Bewohner des Kreises Gütersloh trifft. „Alle sagen jetzt: Aus dem Kreis Gütersloh wollen wir niemanden sehen“, sagt Erika K., die am Mittwochabend mit ihrem Mann auf dem Doktorplatz in der Rhedaer Innenstadt steht und hier schon lange wohnt. „Dass die Stadt jetzt so viel an Image verliert, ist einfach traurig.“ Gerade erst sei die Altstadt neu gestaltet, alles hübsch gemacht worden. Viele Fahrradtouristen seien hier immer gewesen. „Wir sind fassungslos, dass der Platz jetzt wieder so leer ist.“ 

          Nur vereinzelt sitzen Gäste draußen vor den Lokalen am Platz, nicht alle Restaurants haben geöffnet. „Es ist wichtig, dass wenigstens ein paar Lokale auf haben“, sagt Erika K., „wir dürfen ja nirgendwo hin, dann wollen wir uns wenigstens hier wohlfühlen.“ Das Leben, das gerade erst wieder in die Rhedaer Innenstadt zurückgekehrt war, droht wieder zum Erliegen zu kommen. Viele seien deswegen sauer, sagt Erika K., aber nicht auf die Landesregierung, die den Lockdown beschlossen hat. „Wut gibt es vor allem gegen eine bestimmte Person, aber sonst hält sie sich in Grenzen.“

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