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Corona-Ausbruch in Gütersloh : Aufräumen ohne Tönnies

  • -Aktualisiert am

Äußern sich zu den Vorwürfen der Kreisverwaltung nach dem Corona-Ausbruch: Andres Ruff (links) und Clemens Tönnies, beide Geschäftsführer der Tönnies-Holding Bild: dpa

Nach mehreren Corona-Ausbrüchen in Schlachtbetrieben im Mai versuchte Clemens Tönnies, sich zum Saubermann der Branche zu stilisieren. Selbst jetzt will er den Wandel in der Fleischindustrie noch mitgestalten. Dazu sollte es nicht kommen.

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          Clemens Tönnies, der Miteigentümer des größten Schlachtbetriebs in Deutschland, hat den Mund schon immer ziemlich voll genommen. Vor ein paar Jahren, als es darum ging, in der Fleischindustrie den Mindestlohn für die extrem hart schuftenden, zum großen Teil aus Osteuropa stammenden Schlachter, Zerleger und Verpacker einzuführen, versprach er eine freiwillige Branchenregelung. Das änderte an der prekären Lage der Arbeiter rein gar nichts.

          Und selbst als der Mindestlohn dann eingeführt war, fanden die Sub- und Subsubunternehmer der Schlachtbetriebe wieder Mittel, Wege und Tricks, den Lohn zu drücken: durch Abzüge für Schutzkleidung, Miete, Fahrservice oder, nach Bedarf, definierbares „Fehlverhalten“. Verantwortung wird in der Branche schon viel zu lange durch Ketten-Werkverträge nach weitgehend freiem Belieben zerteilt wie eine Schweinehälfte. Es ist höchste Zeit, dass der Bundesgesetzgeber diese ausbeuterischen Schachtelstrukturen in der Fleischindustrie verbietet und die Zugriffsrechte für den Arbeitsschutz erweitert.

          Politisch möglich geworden ist das erst, als sich Anfang Mai durch mehrere lokale Corona-Ausbrüche in Schlachtereien zeigte, zu welch gefährlichen Hotspots sich die Betriebe entwickeln können. Was tat Tönnies vor kaum mehr als einem Monat? Er warnte nicht nur empört vor einem „Generalverdacht“, sondern versuchte sich auch noch zum Saubermann der Branche zu stilisieren.

          Hochmut kommt vor dem Fall: Mittlerweile sind in Tönnies’ Stammwerk schon mehr als 1300 Arbeiter positiv auf das tückische Virus getestet worden. Rheda-Wiedenbrück wurde dadurch zum bisher größten Hotspot in Deutschland. Nun gibt sich Tönnies zerknirscht, verantwortungsbewusst – und hat zwei Augenblicke später die Chuzpe, den Anspruch zu erheben, weiter mit über die Spielregeln zu bestimmen: „Wir werden diese Branche verändern, das steht fest.“

          Im Gegenteil. Es muss ohne ihn und Leute seines Schlages passieren. Denn das Vertrauen in Tönnies ist „gleich null“, wie der Leiter des Gütersloher Krisenstabs feststellt. Warum eigentlich erst jetzt?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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