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Neue Corona-Ausbreitung : So lässt sich die Seuche nicht bezwingen

Vor der zweiten, harten Bewährungsprobe: Jens Spahn in der Bundespressekonferenz Bild: EPA

Es findet immer noch jede Minderheit, jede Gruppe, jeder Einzelne einen Grund, warum gerade für ihn oder sie eine Corona-Maßnahme unzumutbar ist. Dann müssen eben doch Verbote her.

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          Während es rund um Deutschland fast wieder wie im Frühjahr aussieht, wollen es die Deutschen noch nicht so recht wahrhaben: Das Land treibt in eine zweite, harte Bewährungsprobe. Die Infektionszahlen sind alarmierend und bestätigen, was Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich vorgerechnet hat. Da es um einen exponentiellen Verlauf geht, könnten die täglichen Alarmmeldungen bis Weihnachten so weitergehen. Grund zur Panik gibt es aber nicht.

          Es ist nicht zynisch, wenn man feststellt, dass in dieser Situation nur noch das Wort „Bergamo“ fehlt. Es war im März das angsterfüllte Signal für eine schlagartige und, wie man heute weiß, übertriebene Sedierung des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Selbst wenn es jetzt wieder ein solches Signal geben sollte, ist doch anzunehmen, dass es nicht noch einmal zu diesem Stillstand kommt. Erstens ist man aus der Pandemie klüger geworden, zweitens sind die Krankenhäuser besser vorbereitet, und drittens ist die Abwägung eine andere: Noch einmal solche Maßnahmen, und der Staat gerät an seine Grenzen.

          Verbote sollen ein Wirrwarr verhindern

          Das Wort der Stunde ist deshalb auch meilenweit vom damaligen Schock-Vokabular entfernt: „Beherbergungsverbot“. Verständlich ist die Klage darüber, dass es sich dabei um eine Maßnahme handelt, die Deutschland in ein Wirrwarr verwandelt. Aber ist dieses Wirrwar schlimmer als die unkontrollierte Ausbreitung?

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          Innerdeutsch spielt sich nun ab, was zu Jahresbeginn noch ein europäisches Phänomen war: Länder versuchen, sich abzuschotten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ja recht, dass es viel besser und wichtiger sei, „vor Ort“ für eine Eindämmung zu sorgen.

          Allerdings war nichts anderes zu erwarten und gehörte immer zu den Kehrseiten der Inzidenz-Regel: Genau das, ein Wirrwarr zu verhindern, ist der Sinn der Verbote. Sie sollen die Verbreitung aus Gebieten verhindern, in denen die „Inzidenz“ (mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen) überschritten wird und in denen die Gesundheitsämter kaum noch in der Lage sind, Infektionen nachzuverfolgen. Können sie das in „Risikogebieten“ nicht mehr, ist eine unkontrollierte Ausbreitung und Überlastung anderer Gesundheitsämter nur durch Einschränkung der Freizügigkeit einzudämmen.

          Das alles ist zumutbar

          Urlaubsbedingte Reisetätigkeit einzuschränken, ist die mildeste Form einer solchen Eindämmung, aber auch die effektivste Einschränkung. Schließlich bleibt es, im Unterschied zu Berufsreisen, meist nicht bei der Urlaubsreise, sondern sie ist mit Feiern und Vergnügungen verbunden, die zu den wichtigsten Virenschleudern gehören. Das zeigen alle Vorfälle seit dem Sommer immer wieder.

          Ungerecht sind Beherbergungsverbote für Bewohner von Städten und Landkreisen, die zwar über der „Inzidenz“ liegen, in denen sich das Infektionsgeschehen aber eindeutig isolieren lässt – Stichwort Fleischfabriken. Es wäre allerdings des Wirrwarrs in der Tat zu viel, wenn eine im Alltag ohnehin kompliziere Einschränkung noch mit allerlei Ausnahmen versehen würde.

          Das berührt ein Grundübel der Pandemie-Bekämpfung: Es findet immer noch jede Minderheit, jede Gruppe, jeder Einzelne einen triftigen Grund, warum gerade für ihn oder sie eine Beschränkung ungerecht, unzumutbar, unverhältnismäßig, illegal und deshalb inakzeptabel ist. Das gilt für „Großhochzeiten“ und für Partys, für Urlauber und für die AfD-Fraktion im Bundestag. Ihnen sei zugerufen: Doch, das alles ist zumutbar, ist gerecht und sinnvoll. Hochzeiten und Urlaube lassen sich verschieben, auf Partys lässt sich verzichten, und die Maskenpflicht schränkt die Freiheit nicht ein.

          Es handelt sich dabei nicht um unmenschliche Eingriffe in existentielle Gewohnheiten. All die Maßnahmen rund um die „AHA-Regeln“ sind Erinnerungen daran, dass unser Leben auf vernünftigem Handeln beruht, nicht auf irrationaler Selbstgenügsamkeit. Das meinte Spahn wohl, als er von einem „Charaktertest für uns als Gesellschaft“ sprach.  

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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