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Coaching für Eltern : Unser Sohn wird mal hochbegabt

  • -Aktualisiert am

Im Spiel des Lebens scheint nichts wertvoller als Intelligenz Bild: Illustration Simon Schwartz

Viele Eltern glauben, sie hätten superschlauen Nachwuchs. Dafür verlangen sie Anerkennung – sonst werden sie traurig. Sie haben Angst vor Normalität, ebenso aber vor dem Anormalen. Nur um die Kinder geht es dabei nicht.

          8 Min.

          Es war ein dunkler Freitagabend in Frankfurt; normale Menschen hielten ihn für ganz normal. Mit großen Schritten liefen sie ins Wochenende. Im Bahnhofsviertel leuchteten die Imbissbuden, aus den Fenstern darüber flackerte schon Fernsehlicht. Der Billig-Friseur fegte Haare zusammen, und an der Haltestelle tranken Anzugträger ein erstes Bier. Deutschland um diese Zeit: eine Nation in freudiger Erwartung des Feierabends.

          Doch der war noch nicht allen vergönnt. Über den Hof der Karmeliterschule, ein paar hundert Meter von den Imbissbuden entfernt, eilten dunkle Gestalten. Manche blickten sich ängstlich um: das waren die Frauen. Andere schritten forsch voran: die Männer. In der Schule tasteten sie sich durch das düstere Treppenhaus in den ersten Stock. Da brannte Licht. An einem Tisch saß eine Frau und verkaufte Tickets, zehn Euro das Stück, für den Abend, der natürlich nicht ganz normal war.

          Der Abend war für die Eltern hochbegabter Kinder. Viele von ihnen leiden, weil niemand sie versteht. Ihre Kinder sind zu schlau, und der Rest der Gesellschaft ist zu dumm. Die Eltern verlangen nach Hilfe. Sie wollen endlich im Mittelpunkt sein. Vor 35 Jahren schrieb Alice Miller das „Drama des begabten Kindes“; die Zeiten sind lange vorbei. Jetzt geht es um das Drama der Eltern des begabten Kindes.

          Das Geschäft mit den Eltern

          In der Karmeliterschule setzten sich die Erwachsenen brav auf Schülerstühlchen und schauten hoffnungsvoll drein. Aber auch, wie so oft, besorgt. Würde man hier das Ausmaß ihres Unverstandenseins begreifen? Die Chancen standen nicht schlecht. Zu dem Abend hatte das Hochbegabtenzentrum der Volkshochschule Frankfurt eingeladen. Der Prospekt lockte: „Mit wem können sich Eltern austauschen und über ihre Probleme sprechen, ohne sofort auf Unverständnis oder auch Neid zu treffen?“ Die Frage war natürlich rhetorisch, die Antwort lautete einerseits „mit niemandem“ und andererseits „mit uns“. Weich umflauschte der Text seine Leser: „Die persönliche Sicht und Betroffenheit von Müttern und Vätern steht dabei immer im Vordergrund.“

          Die Leiterin des Hochbegabtenzentrums stellte die Dozentin für diesen Abend vor: Dorothea Schlegel-Hentrich: „Sie ist Diplompädagogin, sie ist Counsellor, sie ist Coach, sie hat eine eigene Praxis.“ Schlegel-Hentrich, kurzhaarig, in Rock und flachen Schuhen, eine Muster-Diplompädagogin, blickte professionell in die Runde. Ehrfürchtig glänzten die Elterngesichter. Zwei Mütter holten ihre iPads aus der Tasche, zum Mitschreiben. Andere hatten Blöcke. Eine stachelblonde Frau flüsterte zu ihrem Mann: „Hör zu jetzt.“ Der Mann gehorchte routiniert. Dorothea Schlegel-Hentrich stand aufrecht und holte Luft.

          Sie hat Übung mit solchen Eltern; die sind Teil ihres Geschäftsmodells. Regelmäßig kommen sie in ihre Beraterpraxis, genannt „Institut für Begabtencoaching“, und in viele andere Beraterpraxen in Deutschland auch. Das ist neu. Früher ging es, wenn es um hochbegabte Kinder ging, um hochbegabte Kinder.

          Sonst landen sie als Erwachsene am Rand der Gesellschaft

          Heute soll jedes Kind ständig gefördert werden, so, als wäre die Familie ein Bergwerk. Irgendwelche Kostbarkeiten werden sich schon finden lassen. Und wertvoller als alles andere ist Intelligenz. Damit kann man sich später vielleicht etwas kaufen; mit einem guten Herzen geht das jedenfalls nicht. Die Kinder, so wünschen es die Eltern, sollen auf dem Markt bestehen. Verantwortlich dafür sind wie bei der Einführung einer Marke die Produzenten. Das ist eine schwere Last.

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