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Ein Däne regiert Rostock : Wahlkampf im Nebel

Der Däne Claus Ruhe Madsen bei seiner Wahlkampftour in Rostock. Bild: dpa

Nach der Schule ist der Däne Claus Ruhe Madsen für eine Auszeit nach Deutschland gekommen. Heute ist er der erste Bürgermeister ohne deutschen Pass. Beim Wahlkampf hat er sich auf sein Gefühl verlassen.

          Claus Ruhe Madsen hat genug von sich gesehen. Genug von seinem Gesicht auf all den Plakaten in der Stadt. Nach Wochen des Wahlkampfs erzählt er am Montag: „Ich kann das nicht mehr sehen.“ So hat er sich also schon für den Tag nach seiner Wahl vorgenommen, die ersten selbst wieder abzunehmen. Zumindest hat sich der ganze Aufwand aber gelohnt. Am Sonntag haben die Rostocker den Dänen Madsen zu ihrem Oberbürgermeister gewählt. Er ist der erste, der eine deutsche Großstadt ohne deutschen Pass führen wird.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Lange Zeit war es für Claus Ruhe Madsen und seine Unterstützer ein Wahlkampf im Nebel. Das Gefühl war gut, die Reaktionen der Rostocker Bürger auf ihn ebenso. Doch es gab keine Umfragezahlen, die das hätten belegen können. Dann kam vor drei Wochen der erste Durchgang der Oberbürgermeisterwahl und es wurde klar, dass das Gefühl nicht getrogen hat: Madsen kam auf 34,6 Prozent und war der Favorit für die Stichwahl am Sonntag. Da erhielt er nun 57 Prozent. Sein Gegenkandidat, der Rostocker Sozialsenator Steffen Bockhahn von der Linkspartei, kam auf knapp 43 Prozent. Der Kandidat der SPD, unterstützt auch von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, war schon in der ersten Runde gescheitert. Der parteilose Amtsinhaber Roland Methling war nach 14 Jahren im Amt nicht mehr angetreten.

          Am Tag danach versucht Madsen nun zu erklären, warum das so gut funktioniert hat. Das dänische Fernsehen hat schon angerufen, Radio und Zeitungen aus seiner Heimat ebenso. Schon früh hat Madsen es verstanden, viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, nicht nur aus Dänemark. Er ist 1972 in Kopenhagen geboren und in der dänischen Provinz zur Schule gegangen, bevor er nach dem Abitur nach Deutschland kam, um etwas Neues zu erleben. Es sollte eine Auszeit werden, es wurde seine neue Heimat. Seit 1998 lebt er in Rostock, leitet als Unternehmer mehrere Möbelhäuser und führte bis vor Kurzem auch die IHK in der Hansestadt. Er ist also nicht nur angekommen – er ist auch schon gut vernetzt. Dann wurde er aus der Politik gefragt, ob er es nicht als Bürgermeister-Kandidat versuchen wolle. Er sagte zu. CDU und FDP unterstützen ihn. Doch in Madsens Wahlkampf spielte das keine Rolle. Er trat als parteiloser Nicht-Politiker auf. Das dürfte auch einen Teil seiner Popularität erklären.

          Zu dieser beigetragen hat aber sicher auch sein Auftreten. Stets zugänglich und vertraut, dem Du näher als dem Sie, und oft betont locker gekleidet in seinem blauen Wahlkampf-Hoodie: ein stilisiertes Abbild seiner selbst darauf, mit dem kräftigen Bart und der auffälligen Frisur, an den Seiten raspelkurz und oben lang. So wie man sich das in Deutschland wohl bei einem Wikinger vorstellt. In seinem Programm gab es von der Wirtschaftsförderung bis zur Fahrradstadt vieles zu entdecken, dass Sympathisanten von CDU, FDP aber auch Grünen angesprochen haben dürfte. Rostock geht es nach langen Jahren des Sparens wieder gut, es ist eine wunderschöne Stadt, die an der Ostsee wächst, knapp 210.000 Einwohner leben schon hier. Es ging bei Madsen aber nicht nur um die großen Themen, sondern auch um die kleinen. Um Löcher in den Straßen, digitale Stadtteilzentren, Hundekot. Vor allem ging es bei Madsen aber auch immer wieder um einen anderen Ton, eine andere Herangehensweise. Darum, nicht aus der Politik zu kommen.

          Madsen spricht viel davon, mit den Menschen sprechen zu wollen. Von der Augenhöhe, auf der man sich begegnen müssen. Davon, einfach mal zu machen, am besten gemeinsam. So wie bei den Plakaten, die er nach dem Sieg nun nicht seine Unterstützer alleine abnehmen lassen will. Oder auch bei seinem Wechsel ins Rathaus. „Ich meine nicht, dass ich gleich alles neu machen muss“, sagt er. Bis Madsen tatsächlich Oberbürgermeister ist, könnte es noch etwas dauern – seinem Vorgänger möchte er noch die Hanse-Sail Anfang August eröffnen lassen, das sei doch ein würdiger Abschied, sagt er. Die Geschäftsführung seiner Möbelhäuser gibt er auch noch ab. Wenn er dann im Rathaus ist, muss er Vertraute finden, mit den er regieren will, und einen Weg, mit der Mehrheit der Linkspartei in der Bürgerschaft umzugehen. Aber erst einmal will er jedem Mitarbeiter der Verwaltung die Hand schütteln und in die Augen schauen. Das klinge vielleicht komisch, sagt er. Aber er meint es ernst. Es sind etwa 2300 Mitarbeiter.

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