https://www.faz.net/-gpf-11fcm

Chronik : Der lange Weg der Versöhnung

  • Aktualisiert am

Bilder der Flucht: Die „Frankfurter Illustrierte” publizierte 1954 Aufnahmen des Fotografen Hanns Tschira. Sie dokumentieren die Flucht der Bewohner des Dorfes Lübchen aus Schlesien Bild: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker

Jahrelang belasteten die Diskussionen über die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen auch die deutsch-polnischen Beziehungen. Nun hat der Bundestag die im Koalitionsvertrag enthaltene Verabredung erfüllt, „im Geiste der Versöhnung ein sichtbares Zeichen zu setzen“. Bis dahin war es ein weiter Weg.

          3 Min.

          Wer das Getöse über die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen noch im Ohr und all die Scherben in den deutsch-polnischen Beziehungen vor Augen hat, die damit angerichtet wurden, kann sich nur wundern: An diesem Donnerstag erfüllt der Deutsche Bundestag die im Koalitionsvertrag enthaltene Verabredung, „im Geiste der Versöhnung ein sichtbares Zeichen zu setzen“, das an das Unrecht der Vertreibungen erinnern soll. Die Stiftung 'Flucht, Vertreibung, Versöhnung' wird gegründet. (Siehe auch: Gedenken an Vertriebene: Erkenntnisgewinn auf Umwegen)

          „Ein lange tabuisiertes Kapitel unserer Geschichte wird jetzt öffentlich aufgearbeitet: Ein Schweigen über das Schicksal der Vertriebenen wird es nicht mehr geben. Das Tor der Erinnerung wird offengehalten. Der Terror des Nationalsozialismus als Verursacher demaskiert“, erklärt der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen

          FAZ.NET dokumentiert die wichtigsten Stationen auf einem langen Weg, um Flucht, Vertreibung und Versöhnung zu gedenken und aufzuarbeiten.

          Bilder der Flucht: Die „Frankfurter Illustrierte” publizierte 1954 Aufnahmen des Fotografen Hanns Tschira. Sie dokumentieren die Flucht der Bewohner des Dorfes Lübchen aus Schlesien Bilderstrecke

          19. März 1999: Bundesvorstand und Präsidium des Bundes der Vertriebenen (BdV) beschließen, ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin zur Aufarbeitung und Dokumentation der deutschen und europäischen Vertreibungen auf den Weg zu bringen.

          29. Mai 1999: Bundesinnenminister Schily unterstützt das Projekt. Das geplante Dokumentationszentrum könne dazu dienen, künftigen Hass zwischen Völkern zu verhindern.

          3. September 2000: Bundeskanzler Schröder sagt auf einer Festveranstaltung des BdV, dass die Bundesregierung den Plänen zur Errichtung einer weiteren Gedenkstätte „zurückhaltend“ gegenüberstehe. Ehe eine neue Einrichtung geschaffen werde, sei zu überlegen, ob diese besser als die bisherigen für das Anliegen geeignet sei.

          6. September 2000: Die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ mit Sitz in Wiesbaden wird gegründet. Vorsitzende sind Erika Steinbach und Peter Glotz.

          22. Februar 2002: Der Bundestagsabgeordnete Meckel (SPD) schlägt vor, ein Vertriebenenzentrum in Breslau zu errichten. Das wird von den Stiftungsverantwortlichen abgelehnt.

          14. Mai 2002: Zwei bekannte polnische Publizisten, Adam Michnik und Adam Krzeminski, fordern die polnische und die deutsche Regierung dazu auf, die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Breslau zu unterstützen.

          16. Mai 2002: Bei einer Bundestagsdebatte unterstützt die CDU das Konzept der Stiftung, während die Koalitionsfraktionen eine stärker europäische Ausrichtung im Rahmen des Bonner Hauses der Geschichte fordern.

          4. Juli 2002: Der Deutsche Bundestag nimmt den Antrag der Koalitionsfraktionen „Für ein europäisch ausgerichtetes Zentrum gegen Vertreibungen“ an. In dem Antrag sind keine Angaben über Träger, Finanzierung und Standort des Vorhabens enthalten.

          1. Oktober 2003: Die deutsche Kulturstaatsministerin Weiss unterstützt die Forderung des Bundestags nach einem Europäischen Zentrum gegen Vertreibungen. Sie versteht darunter einen Verbund dezentraler Werkstätten der Erinnerung.

          22./23. April 2004: Hochrangige Vertreter von sechs europäischen Staaten vereinbaren in Warschau die Gründung eines europäischen Netzwerks über Vertreibung.

          1. August 2004: Bei einer Rede zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstands wendet sich Bundeskanzler Schröder in Warschau ausdrücklich gegen die Errichtung eines nationalen „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin. Dagegen unterstütze die Bundesregierung die Bemühungen für ein europäisches Netzwerk.
          2. Februar 2005: Vertreter Polens, Deutschlands, Ungarns und Sloweniens unterzeichnen in Warschau das Gründungsdokument eines „Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität“.

          11. November 2005: Im Koalitionsvertrag wird festgelegt, dass man in Berlin „ein sichtbares Zeichen setzen“ wolle, um „in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die bisher beteiligten Länder … hinaus - an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern“.

          2. Dezember 2005: Die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ wird im Bonner Haus der Geschichte eröffnet. Kulturstaatsminister Neumann erklärt am 17. Mai 2006, dass diese Ausstellung das Herzstück eines künftigen Dokumentationszentrums sein soll.

          10. August 2006: Die Ausstellung „Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen „ wird im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet.

          24. Oktober 2007: Die Koalitionsparteien einigen sich auf ein Konzept für das Gedenken an Flucht und Vertreibung. Eine Stiftung unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums soll ein Ausstellungs -und Dokumentationszentrum betreuen.

          5. Februar 2008: Kulturstaatsminister Neumann stellt dem Deutschland-Beauftragten der polnischen Regierung Bartoszewski das Konzept für das in Berlin geplante „Sichtbare Zeichen gegen Flucht und Vertreibung“ vor. Bartoszewski erklärt, dass Polen den angebotenen Sitz im Beirat der neuen Institution nicht annehmen wolle. Dies schließe aber eine Beteiligung polnischer Historiker nicht aus.

          3. September 2008: Die Bundesregierung beschließt die Konzeption einer unselbständigen „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Als Gebäude ist das ehemalige „Deutschlandhaus“ in Berlin-Kreuzberg vorgesehen. Der Bund stellt bis 2011 jährlich 2,5 Millionen Euro zur Verfügung.

          4. Dezember 2008: Der Deutsche Bundestag verabschiedet das „Gesetz zur Errichtung einer Stiftung 'Deutsches Historisches Museum', das auch die Gründung der unselbständigen Vertreibungsstiftung beinhaltet.

          Weitere Themen

          Was wir fühlen sollen

          Haus der Wannseekonferenz : Was wir fühlen sollen

          Von einer Gedenkstätte zum Geschichtsmuseum: In der neuen Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz soll der Holocaust nicht nur als historisches Geschehen, sondern als stets gegenwärtige Mahnung begriffen werden.

          Riesenprotest im Miniformat Video-Seite öffnen

          „Toy Story“ in Hongkong : Riesenprotest im Miniformat

          Sie sind unglaublich detailgetreu: Demokratieaktivisten in Form von Figürchen und Puppen sind in Hongkong derzeit der letzte Schrei. Wegen der politischen Zensur in der chinesischen Sonderverwaltungszone mussten einige Teile im Ausland hergestellt werden.

          Topmeldungen

          Niederlage für Boris Johnson: Das House of Lords votiert für eine Anpassung seines Brexit-Gesetzes zum Bleiberecht für EU-Ausländer in Großbritannien.

          Anpassung des Brexit-Gesetzes : Johnson erleidet Schlappe im Oberhaus

          Das House of Lords will die rund 3,6 Millionen europäischen Ausländer in Großbritannien stärker schützen – und erteilt den Brexit-Plänen des Premiers in diesem Punkt eine Absage. Nun entscheidet das Unterhaus. Droht ein Ping-Pong-Prozess?

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.