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Christian Führers Abschied : Der Bergprediger von Sankt Nikolai

  • -Aktualisiert am

Seit 1980 wirkte Christian Führer in Sankt Nikolai Bild: AP

Eine Ikone der friedlichen Revolution geht in den Ruhestand. Den Leipziger Pfarrer Christian Führer kennen viele mit Jeansweste statt mit Stola. „Altar und Straße gehören zusammen“, findet er, der sich mit seiner unkonventionellen Art nicht nur Freunde gemacht hat.

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          Helden stellt man sich anders vor. Christian Führer wirkt dafür zu zerbrechlich unter seinem Messgewand. Am Ostermontag führt der evangelische Pfarrer ein Grüppchen von etwa zehn Konfirmanden in die Kirche, einige von ihnen ein gutes Stück größer als er selbst. Feierlich langsam schreitet er unter Posaunenklängen auf den Altar in seiner Kirche zu - Sankt Nikolai in Leipzig. Sein grauer Bürstenhaarschnitt scheint weniger stachelig als auf den bekannten Fotos von ihm. Führer geht in leicht nach vorn gebeugter Haltung. Singt er während der Messe die Liturgie, klingt seine Stimme knabenhaft.

          Die meisten Menschen haben wahrscheinlich ein anderes Bild im Kopf, hören sie den Namen Christian Führer - Leipziger Pfarrer, Umstürzler, das Gesicht der Montagsdemonstrationen und eine der Ikonen der friedlichen Revolution in der DDR. Sie kennen Führer mit Jeansweste auf der Straße statt mit Stola hinter dem Altar. Mit der Weste und seinem bunt beklebten Aktenkoffer trat er vergangene Woche vor die Presse. Ende März geht er in den Ruhestand, zumindest als Pfarrer von Sankt Nikolai, wo er seit 1980 wirkt.

          „Keine Gewalt“

          Er dürfte der einzige Gemeindeseelsorger in Deutschland sein, der deswegen fast eine Stunde lang eine Pressekonferenz gibt - geben muss. Auch nach der Veranstaltung ist er noch von Journalisten umringt und antwortet mit ruhiger Stimme auf Fragen. Es ist die Stimme, die in der Wendezeit im Herbst 1989 bei Friedensgebeten Tausenden Mut gemacht hat, die fürchteten, das SED-Regime würde das aufbegehrende Volk mit Waffengewalt zum Schweigen bringen.

          Abschiedsgottesdienst am Sonntag

          Schon 26 Jahre lang versammeln sich unter dem säulengestützten Dach der Nikolaikirche Christen und Atheisten jeden Montag zum Friedensgebet. Angesichts des Wettrüstens auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ließ Führer wöchentlich Gebete für den Frieden abhalten, manchmal nur mit einer Handvoll Leuten. Im Januar 1988 feierte die Gemeinde dann Fürbittenandachten für auf einer Demonstration in Berlin verhaftete Oppositionelle. Auf einmal kamen hundert Menschen in die Kirche. Der Unmut in der Bevölkerung wuchs. Ausreisewillige wandten sich an Führer. Wöchentlich strömten mehr Menschen ins Kirchenschiff von Sankt Nikolai und später auch in die anderen Leipziger Kirchen. Am 9. Oktober 1989 schließlich zogen im Anschluss an die Gebete 70.000 Menschen durch Leipzig.

          Mit Kerzen und Gebeten brachten sie das Regime ins Wanken. Immerzu hatten Führer und andere Geistliche Gewaltlosigkeit gepredigt, auch wenn der Staat vor den Kirchentoren auf seine Bürger eindrosch. Die Worte fanden Gehör. Der Leitspruch der Montagsdemonstranten „Keine Gewalt“ ist für Führer die Essenz der Bergpredigt aus dem Neuen Testament, die friedliche Revolution hält er für „ein Wunder“.

          „Da kann man nicht mehr kesseln“

          Mit solchen Kategorien kann Erich Loest nichts anfangen. „Jeder Vorgang ist rational zu begreifen“, sagt der Schriftsteller in seiner Leipziger Wohnung. Für seinen Roman „Nikolaikirche“ las er Aufzeichnungen der Leipziger Pfarrer und Bürgerrechtler sowie Berge von Stasiakten. Dass es am Abend des 9. Oktober 1989 friedlich blieb, liegt seiner Meinung nach an der schieren Menschenmasse.

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