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Christentum und Weihnachten : Licht im Dunkel der Nacht

In der Gedächtniskirche in Berlin kondolieren Bürger den Opfern des Terroranschlags am Montagabend. Bild: dpa

Eine Welt ohne Religionen wäre anders, aber nicht besser. Gegen sie spricht nicht, dass es sie gibt. Sondern dass sie es noch immer ermöglichen, Gewalt zu legitimieren, anstatt sie einzuhegen. Ein Kommentar.

          Berlin 2016, noch wenige Tage bis Weihnachten. Ein mutmaßlicher Islamist steuert einen Sattelschlepper in einen Weihnachtsmarkt. Tote, Verletzte. Mitte Juli. Ein Attentäter reißt mit einem Lastwagen mehr als achtzig Menschen in den Tod. Tote, Verletzte, Christen, Muslime, Atheisten, wahllos. Terror, wie in Istanbul, Paris, Madrid, London, New York.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Libyen, Syrien, Jemen. Die Arabellion frisst ihre Kinder. Schon im fünften Jahr. Hunderttausende sind tot, Millionen auf der Flucht. Männer, Frauen, Kinder. Afghanistan. Seit 2001 wird unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt. Worte wie „Taliban“ und „Al Qaida“ haben sich nach 9/11 mit den Bildern des Angriffs auf Amerika in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Schon 1979 aber war aus dem westlichen Alliierten Iran jener persisch-schiitische Gottesstaat geworden, der das jüdische Leben in Israel auslöschen würde, wenn er könnte. Und die arabisch-sunnitisch-wahhabitischen Saudis, den anderen Hegemon im Mittleren Osten, vielleicht gleich mit. Welt aus den Fugen? Donald Trump, bald Präsident der Vereinigten Staaten, weiß, mit welchem Feind sie es zu tun hat. Mit einer politischen Ideologie im Gewand einer Religion: Islam.

          Berlin 1916, noch wenige Tage bis Weihnachten. Die Stadt hungert, und mit ihr das ganze Land. Seit mehr als zwei Jahren ist Krieg. Gestorben wird in Galizien, auf Gallipoli und hoch in den Dolomiten, vor Verdun, in den Weinbergen der Champagne und auf den Feldern Flanderns. Nicht Hunderttausende sind krepiert, es sind Millionen. Die meisten sind Christen. Es krepieren auch Muslime und Hindus. Nicht im Namen des Gottes, den ihre Kolonialherren verehren. Aber mit dessen Segen (sagen die, die es wissen müssen). Christentum: eine politische Ideologie im Gewand einer Religion?

          Auch Hindu-Nationalisten sehen nur Feinde

          Pastoren, Geistliche, Popen beten. Für den Feind? Möglich. Deutsche Jesuiten hoffen auf den Sieg über das laizistische und antiklerikale Frankreich. Französische Jesuiten zahlen es in gleicher Münze heim: Nicht nur Preußen, nein, das Kaiserreich sei die Sünde Europas schlechthin. Blut ist dicker als das Wasser der Taufe.

          Ist es heute so viel besser? Wie lange liegt der Völkermord in dem zu 90 Prozent christlichen Ruanda zurück, als Hutus binnen drei Monaten Hunderttausende Tutsi abschlachteten? Wie lange der Balkan-Krieg, in dem orthodoxe Serben gegen katholische Kroaten zu Felde zogen und Völkermord an muslimischen Bosniaken verübten? Friedvolles Christentum, aufgeklärtes Abendland hier, notorisch gewaltgeneigter Islam, ein in archaischen Vorstellungen erstarrter muslimischer Kulturraum dort – wäre nicht weniger westlicher Hochmut schon ein Beitrag zum Frieden?

          Und weniger Gott ein Mehr an Menschlichkeit? Vor wenigen Jahren wurde die These populär, mit dem Absolutheitsanspruch des jüdischen Monotheismus seien Intoleranz und Gewalt in die Welt gekommen. Wenn es nur so wäre. Auch Hindu-Nationalisten sehen nur Feinde. Mal geht es gegen Christen, mal gegen Muslime. Dann also lieber eine Welt ganz ohne Religion? Weil schon immer in Gottes Namen getötet wurde? Weil Menschen noch heute glauben, um des Himmels willen töten zu dürfen?

          Wen haben sie zur Besinnung gebracht?

          Auch das lehrt das lange 20. Jahrhundert: Eine Welt ohne Religion wäre anders, aber nicht besser. Gegen die Leichenberge, die den Weg des Kommunismus in die klassenlose Gesellschaft säumen, gegen Völkermord im Namen von Rasse und Lebensraum verblassen auch die Kapitel der Religionsgeschichte, die mit Blut geschrieben sind.

          „Wir verteidigen die Mitmenschlichkeit“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck in seiner letzten Weihnachtsansprache als Bundespräsident

          Gegen Religionen spricht nicht, dass es sie gibt. Sondern dass sie es noch immer ermöglichen, Gewalt zu legitimieren, anstatt einzuhegen und zu ächten. In der arabischen Welt kommt hinzu, dass viele religiöse Autoritäten ihre Autorität verwirkt haben, weil sie totalitären Regimen jeder Art zu Willen sind. Innerhalb des sunnitischen Islams fehlte es nie an Stimmen, die dem IS jede religiöse Legitimation absprachen. Wen haben sie zur Besinnung gebracht? Der Islam ist politischen Interessen und politreligiösen Interpretationen wie dem Salafismus fast schutzlos ausgeliefert.

          Immer weniger wollen etwas von ihr wissen

          Das westliche Christentum nimmt einen anderen Weg. Das konfessionelle Zeitalter ist Geschichte. Terrorismus im Gottes Namen auch. Christen sind oder werden fast überall zu einer Minderheit. Nicht, weil Muslime im Begriff sind, die Mehrheit zu werden. Das Wasser der Taufe verdunstet. Was der kirchlich verfasste Glaube im Zuge der Modernisierung und der Verwissenschaftlichung der Welt an politischer, gesellschaftlicher und kultureller Macht verloren hat, hat er nicht in gleichem Maß an Macht über die Herzen gewonnen. Glaube ist zu einer Option geworden, zu einer unter vielen. Und immer weniger wollen etwas von ihr wissen.

          Eines aber unterscheidet den Glauben an den menschgewordenen Gott Jesu Christi von vielen anderen Optionen. Er ist nicht gegen etwas gerichtet, sondern eine Option, die vieles und viele einschließt. Das Kind in der Krippe will, wie die mittelalterlichen Mystiker schrieben, in jedem Menschen geboren werden. In jedem Menschen ein Kind Gottes zu sehen und Gott in jedem Menschenkind – Licht im Dunkel der Nacht.

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