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Randale in Chemnitz : Daniel H. war weder Hooligan noch AfD-Anhänger

„Es darf auf keinem Platz und keiner Straße zu solchen Ausschreitungen kommen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte: „Lassen wir uns nicht einschüchtern von pöbelnden und prügelnden Hooligans. Lassen wir nicht zu, dass unsere Städte zum Schauplatz von Hetzaktionen werden. Hass darf nirgendwo freie Bahn haben in unserem Land.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bot Sachsens Polizei die Unterstützung des Bundes an – und was als Hilfestellung gedacht war, untermauerte zugleich den Eindruck eines überforderten Freistaates. Wohl wissend, welchen Eindruck die Fernsehbilder hinterlassen mussten, bat der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), nicht ein ganzes Bundesland zu verdammen. „Niemand sollte aus der schnellen Empörung heraus über einem ganzen Bundesland und seinen Bürgern den Stab brechen. Der Freistaat Sachsen und alle, die sich dort für Recht, Ordnung und Offenheit einsetzen, haben unsere Unterstützung verdient und nicht unsere Belehrungen.“

Da war die Debatte also auf die Größe eines ganzen Bundeslandes angewachsen, weit entfernt von ihrem eigentlichen Anlass: dem Tod von Daniel H. am Sonntagmorgen. Vielleicht auch, weil H. in rechtsradikalen Kreisen nur bedingt zur Symbolfigur taugt. Denn bei der Messerstecherei von Chemnitz hatten nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer einen Migrationshintergrund.

Für Cannabis und gegen Rassismus

H. war Deutsch-Kubaner, seine bei der Tat ebenfalls verletzten Bekannten sind Russlanddeutsche. Auf seinem Facebookprofil hatte H. oft Sinnsprüche veröffentlicht, die eine friedliche Grundhaltung ausdrücken, Zitate von Bob Marley und Buddha. Er forderte seine Facebook-Freunde auf, die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ nicht mit dem Islam im Allgemeinen gleichzusetzen. Er positionierte sich für die Legalisierung von Cannabis und gegen Rassismus. „Aus Erzählungen würde ich sagen, dass er vielleicht eher links gefühlt hat“, sagt Nico Köhler, Vorstandsmitglied der Chemnitzer AfD, dieser Zeitung. Auch den Mitgliedern des „III. Wegs“, bei denen es sich um Nationalsozialisten im ursprünglichen Sinne handelt, ist H.s Haltung bekannt. „Er war ja eher links gewesen“, sagt Matthias Fischer vom „III. Weg“ dieser Zeitung am Dienstag. Aber „das Entscheidende ist ja nicht, wer ums Leben kommt, sondern dass es möglich ist, dass man ums Leben kommt“. Um das Wohlergehen eines dunkelhäutigen Deutsch-Kubaners sind Rechtsextremisten nicht immer so besorgt. Dieses Mal passt es zur Agenda.

Zumindest für die Solidarisierung der Hooligans könnte es eine ganz untaktische Erklärung geben. H. war Fan des Chemnitzer FC. „Er war aus der Fanszene“, sagt AfD-Vorstand Köhler. Am Sonntag sei deshalb auch die Fanbeauftragte des Chemnitzer FC, die SPD-Stadtpolitikerin Peggy Schellenberg, am Tatort gewesen. Ein früherer Vertreter der Chemnitzer Ultra-Szene betonte gegenüber dieser Zeitung, dass H. selbst nie Mitglied der Hooligan-Szene gewesen sei. Er wird stattdessen als friedlicher Mensch beschrieben. Trotzdem könnte der Tod eines Fans die Empörung der ohnehin ausländerkritischen Hooligans zusätzlich angeheizt haben.

Am Ende waren die Demonstranten eine Mischung aus ganz unterschiedlichen Gruppen. „Das war keine homogene Masse“, sagt etwa der Rechtsextremist Fischer – und macht sich keine „Hoffnung“, dass aus dem Protest in Chemnitz eine Revolution in seinem Sinne entstehen könnte. Auch der AfD-Vertreter Köhler spricht von einer großen Vielfalt, von einfachen Bürgern bis Hooligans. Dass Anhänger seiner Partei gemeinsam mit Neonazis marschierten, als Migranten angegriffen wurden, kommentiert Köhler so: „Man hat wahrscheinlich immer Leute dabei, die Gewalt nicht abgeneigt sind.“ Ein rhetorisches Achselzucken. Einem für Flüchtlinge gemachten Fernsehprogramm des WDR sagte Köhler hingegen, es gehe der AfD darum, Flüchtlinge zu schützen. „Die Menschen, die herkommen, (...), die hier arbeiten gehen, die hier ihre Familien haben, die müssen wir einfach schützen“. Zum Beispiel, sagte er, vor „Verallgemeinerung“.

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