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Chemnitz : Nach dem Sturm

Die Stadt atmet auf: Am Stadthallenpark in Chemnitz Bild: Mai, Jana

Chemnitz habe sich nach den Unruhen verändert, heißt es allenthalben. Aber die Stadt hatte auch schon vorher Probleme – und die bleiben.

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          Nancy ist 23 Jahre alt, arbeitet bei der Telekom. Sie isst jeden Mittag in der Unimensa, denn eine eigene Kantine haben sie bei der Telekom nicht. Am Montagabend waren viele Menschen in Nancys Alter beim Konzert „Wir sind mehr“, auch Freunde von ihr. Sie selbst ist zu Hause geblieben. „Es ist ein Mensch gestorben.“ Sie findet es eigentlich nicht gut, dann eine Party zu veranstalten. Nancy stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Chemnitz und lebt seit einigen Jahren in der Stadt. Auch sie findet die Ereignisse vom Montag vergangener Woche furchtbar. „Aber ich kann verstehen, dass die Leute aufgestanden sind und Aufruhr gemacht haben“, sagt sie. Als junge Frau fühle sie sich in der Innenstadt nicht mehr wohl und nicht mehr sicher. Viele Bars und Clubs haben zugemacht. Die jungen Leute fahren zum Feiern nach Dresden oder Leipzig. In Chemnitz sei gar nichts mehr los. Das sei früher anders gewesen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Solche Erzählungen kursieren in vielen Variationen in Chemnitz. Mal sind es große Gruppen junger Männer „migrantischen Aussehens“, die die Menschen aus der Innenstadt fernhalten, dann ist es wieder ein „allgemeines Unsicherheitsgefühl“, dann wieder „die Drogen“. Zwei Servicemitarbeiter der Technischen Universität, die lieber anonym bleiben wollen, bestätigen Nancys Berichte. „Meine Tochter ist 15 Jahre alt, ich möchte nicht, dass sie abends allein durch die Stadt geht“, sagt die eine. Dort sei es viel zu unsicher mit all den Ausländern, die sich schlecht benähmen. „Die an der Uni benehmen sich doch auch gut, mit denen habe ich kein Problem.“ Ihr Kollege pflichtet ihr bei: „Aber die da rumhängen, die arbeiten nicht und die tragen Designerklamotten und haben Handys. Das kann ich mir nicht leisten, obwohl ich arbeite.“

          Mehrere Brennpunkte der Kriminalität soll es in Chemnitz geben, an denen es gewalttätig zugeht und wo mit Drogen gedealt wird. Besonders häufig genannt werden der Zenti, die Zentralhaltestelle in der Innenstadt, und der Stadthallenpark. Tatsächlich sitzen viele junge Männer dort, am kleinen Park an der Stadthalle, am späten Nachmittag. „Heute ist ein schöner Tag“, sagt Zadar Zarif, der sich mit einer Gruppe Afghanen dort aufhält. „Eine Woche lang sind wir zu Hause geblieben, wir hatten Angst.“ Sein Freund zeigt einen aufgeschürften Ellbogen, von Montagabend, sagt er. Sie alle haben viele verwackelte Videos auf ihren Handys, auf denen hauptsächlich schwarz vermummte Gestalten zu sehen sind, die die Fäuste recken, den rechten Arm zum Hitlergruß heben und „Ausländer raus“ brüllen.

          Zadar Zarif und Imran Khan sind beide Anfang 20, leben seit etwa zwei Jahren in Chemnitz. Sie sind normalerweise jeden Abend hier, erzählen sie. Ob sie dort ein Feierabendbier trinken? Die Jungs schauen verständnislos, dann lachen sie. „Nein, wir spielen Volleyball.“ Und dann? „Dann Nachtschicht. Wir arbeiten beide bei der Deutschen Post und fangen jeden Abend um 23.30 Uhr an zu arbeiten. Nachtschicht bringt mehr Geld“, grinst Zarif. „Die Ossis haben ein Problem mit Ausländern“, stellt Khan fest. Das Konzert am Montag sei für sie das Größte gewesen, sagt Khan ernst. „Das war so schön.“ Darum kommen sie jetzt wieder nach draußen. Weil sich so viele Menschen hinter sie gestellt hätten.

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          Unser Autor: Cai Tore Philippsen

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