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Chemnitz in Aufruhr : „Bitte nur Deutschlandfahnen!“

  • -Aktualisiert am

Bild: EPA

Fast zehntausend Menschen kämpfen in Chemnitz auf Demonstrationen um die Deutungshoheit über die Ereignisse der letzten Tage. Zwischenzeitlich droht das Chaos auszubrechen. Doch dann singt Björn Höcke den Rechten ein Schlummerlied.

          Am sechsten Tag nachdem Daniel H. erstochen wurde, wollen in Chemnitz sowohl Rechte als auch Linke Demonstranten die Deutungshoheit über die Ereignisse der letzten Woche gewinnen. Schon für den Mittag hat ein breites Bündnis unter dem Motto „Herz statt Hetze“ zu einer Demonstration aufgerufen. Am Abend startet dann das rechte Bündnis aus AfD, Pegida und “Pro Chemnitz“ ihren Schweigemarsch durch die Stadt. Gegen 20 Uhr wird ihre Versammlung aber von der Polizei aufgelöst. Insgesamt sollen knapp 8000 Menschen an diesem Samstag in der Stadt in Sachsen auf die Straße gegangen sein

          Schon seit dem Morgen rollen unzählige Streifenwagen und Polizeivans durch die Stadt. Beamte laden Hamburger Gitter von Lastwagen, in der Innenstadt stehen Dutzende Beamte des Kommunikationsteams und erklären den Chemnitzern, was hier in ihrer Stadt eigentlich passiert. Es sei ihm alles ein wenig peinlich, sagt einer der Beamten hinter hervorgehaltener Hand: Die Kommunikationspanne, die am Montag wohl verhindert hat, dass zusätzliche Polizisten der Bundespolizei ihre Chemnitzer Kollegen unterstützten, aber auch das Bild, das der Rest der Republik von Sachsen habe. Sogar internationale Medien schauen fassungslos nach Chemnitz, seit es dort am vergangenen Sonntag zu pogromartigen Ausschreitungen gekommen ist.

          „Ich habe in der DDR die SED bekämpft“

          Eine Demonstration der MLPD marschiert gegen Mittag durch die Stadt und zieht die Blicke auf sich. Es sind nur ein paar Dutzend Leute aber hier in Chemnitz sind die Leute hellhörig, wenn ein Lautsprecherwagen an ihnen vorbeifährt. Als der Zug von der Brückenstraße in die Bahnhofsstraße biegt, steht ein großgewachsener Mann mit AfD-Kappe an der Straßenecke und schüttelt den Kopf. „Ich habe in der DDR die SED bekämpft, dann die PDS, die Linke und auch die MLPD.“ Später wolle er noch auf die AfD-Kundgebung gehen, sagt er. Dann stellt sich ein Reporter des „Stern“ dazu und will die Geschichte auch noch mal hören. An diesem Samstag prägen Reporter, mit ihren Notizblöcken, gezückten Kameras und Laptops das Straßenbild von Chemnitz mit.

          Gegen 15 Uhr beginnt auf einem Parkplatz in der Chemnitzer Innenstadt die Gegendemonstration, zu der unter anderem Dietmar Bartsch und Lars Klingbeil gekommen sind. Mehrere Tausend Menschen haben sich versammelt, es wehen Fahnen von der Antifa, den Gewerkschaften, der Linken, SPD, der EU, ja sogar eine Deutschlandfahne halten sie hier hoch. Es sind viele Leute aus dem linksalternativen Leipzig angereist, aber die meisten Demonstranten sind Chemnitzer. Es wird gesungen, die Stimmung ist betont friedlich. Sie alle sorgen sich um das Image von Chemnitz, sagen sie. „Ich habe Eltern, die rufen mich entsetzt an und fragen, ob sie ihre Kinder noch zum Studieren nach Chemnitz schicken können“, sagt Josef Lutz, Professor für Leistungselektronik an der TU Chemnitz auf der Bühne. „Aber das ist nicht Chemnitz“, ruft er und erntet Applaus.

          Auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung demonstrieren AfD und Pegida. Die Demonstranten hier – es sind auch einige Tausend – sind älter und männlicher als bei den Linken. Es wehen Deutschlandfahnen, auch einige tschechische Fahnen sind gehisst, bis die Veranstalter sie über Lautsprecher auffordern, diese einzuholen. „Bitte nur Deutschlandfahnen.“ Hier, bei den Rechten, wird nicht gesungen, sondern viel geschwiegen – zunächst. Denn eigentlich sollte es ein Schweigemarsch sein, aber manchmal bricht es aus ihnen heraus und dann fangen sie an zu grölen. „Wir sind das Volk!“ „Wir sind das Volk!“, hallt es dann durch die Chemnitzer Theaterstraße, in der auch das AfD-Büro ist.

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