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Charta der Heimatvertriebenen : Ein wahres deutsches Wunder

1946: Notunterkünfte am Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen für die deutschstämmige Aussiedler und andere Flüchtlinge Bild: dpa

Vor sechzig Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verkündet. Fünf Jahre nach dem Krieg dachten die Deutschen aus dem Osten nicht an Rache. Sie hofften auf eine baldige Rückkehr in die Heimat - was jedoch nur selten gelang.

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          Ein Tag der nationalen Einkehr ist er nicht geworden, der 5. August. Das hatte sich 1975 Innenminister Werner Maihofer gewünscht, der anlässlich des 25. Jahrestages der Verabschiedung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen sprach. Er nannte die geglückte Eingliederung der Vertriebenen ein wahres deutsches Wunder. Den Jahrestag der Charta stellte der FDP-Politiker Maihofer in eine Reihe mit dem 17. Juni 1953 und dem 20. Juli 1944.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Die Zeiten haben sich geändert, nicht aber die historischen Tatsachen. Heute ist es noch nicht einmal möglich, in den Rat einer Bundesstiftung mit dem Namen „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen aufzunehmen. Die gleichsam erste Amtshandlung des deutschen Außenministers Guido Westerwelle (FDP) auf seiner ersten Dienstreise bestand darin, Polen ein Vetorecht in dieser Angelegenheit zuzusprechen.

          Gewiss: Die fünf Jahre nach dem Ende des von Deutschland begonnenen Krieges verfasste Charta ist kein umfassendes Eingeständnis deutscher Schuld. Auch unter den späteren Vertriebenenfunktionären gab es Nationalsozialisten - dieses Kapitel will der Bund der Vertriebenen noch aufarbeiten. Gerecht wird man der Charta aber nur, wenn man sich vor Augen führt, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen sie entstanden ist.

          Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) Erika Steinbach

          Zwölf Millionen verloren ihre Heimat

          Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 hatten die Hauptsiegermächte des Zweiten Weltkriegs ihre Absicht bekräftigt, Deutschland vorläufig aufzuteilen. Bis zu einer friedensvertraglichen Regelung sollten die deutschen Ostgebiete überwiegend unter polnische Verwaltung fallen. Ein Kapitel des Potsdamer Abkommens regelte den „ordnungsgemäßen Transfer der deutschen Bevölkerung“. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, die zu dieser Zeit in vollem Gange war, sollte in „humaner Weise“ vonstatten gehen.

          Diese Vertreibung aus der seit Jahrhunderten angestammten und bis dahin unbestrittenen Heimat kostete etwa zwei Millionen Deutsche das Leben. Zwölf Millionen verloren ihre Heimat und mussten im Westen neu anfangen. Die Einheimischen, oft selbst vom Krieg geschädigt, betrachteten ihre Landsleute aus dem Osten nicht selten als weitere Last. Die Wohnungsnot war groß. Die Ostdeutschen, auch diejenigen, die große Güter in ihrer Heimat hatten, kamen mittellos in den Besatzungszonen an und erschienen vielen als Bettler. Hunderttausende lebten in Baracken und Verschlägen. Alle Deutschen litten unter Mangel, doch am schwersten hatten es die Entwurzelten.

          Die Vertriebenen hofften auf eine baldige Rückkehr in die Heimat. Diese Erwartung hatten auch die in der Heimat gebliebenen Deutschen und auch nicht selten Polen, die ihrerseits ihre Heimat im Osten ihres Landes verloren hatten.

          Verzicht auf Rache und Vergeltung

          Der Wille zur Eingliederung, zur Gleichberechtigung, zum Wiederaufbau und zur Rückkehr in die Heimat wie auch der Wunsch nach Frieden und Freiheit leiteten die Vorsitzenden der ostdeutschen Landsmannschaften - zusammengeschlossen im „Zentralverband der vertriebenen Deutschen“ und in den „Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften“ - bei der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen am 5. August 1950. In Stuttgart schrieben die Vertreter der Vertriebenen „als ihr Grundgesetz und als unumgängliche Voraussetzung für die Herbeiführung eines freien und geeinten Europas“ etwas fest, das durchaus nicht selbstverständlich war und ist: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.“ Und: „Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas.“ Die Vertriebenen forderten gleiches Recht als Staatsbürger, eine gerechte Verteilung der Lasten des Krieges, „sinnvollen Einbau“ aller Berufsgruppen der Vertriebenen in das Leben des deutschen Volkes und „tätige Einschaltung“ der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas. Die Erklärung wurde von einem Unbekannten verlesen, der für das Massenschicksal der Vertriebenen stand.

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