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Cem Özdemir im Gespräch : „Ich will nicht, dass Saudi-Arabien Moscheen in Deutschland baut“

Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen: Cem Özdemir Bild: Wolfgang Eilmes

Verstärken muslimische Flüchtlinge den orthodoxen Islam in Deutschland? Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir im Gespräch über die Religion seines Elternhauses, tolerante und gefährliche Strömungen.

          4 Min.

          Herr Özdemir, Sie haben gerade auf einem Grünen-Parteitag geschildert, dass der tolerante Islam Ihres eigenen Elternhauses in Deutschland inzwischen auf dem Rückzug sei – warum ist das so?

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ich bin leider nicht der einzige, der das beobachtet. Navid Kermani, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hat in seiner bedeutenden Rede in der Frankfurter Paulskirche ähnliches erzählt über seinen theologischen Lehrer, der inzwischen in den Niederlanden im Exil ist. Ihm wurde seine kritische Quelleninterpretation zum Verhängnis. Dabei hat er genau das gemacht, was meine Mutter mit ihrer, sagen wir, Küchentheologie auch gemacht hat, die war ja keine Theologin, sondern eine ganz normale Arbeiterin: sie hat das Wissen, das sie von ihrer Mutter und Großmutter erworben hatte, an ihren Sohn weitergeben wollen.

          Aber dieses Wissen wird jetzt von einem riesigen machtvollen Apparat in Frage gestellt: dagegen kommen die Tausenden Mütter und Väter, die ihren Kindern von einem anderen Islam berichten wollen, schwer an. Schon 1980 hat sich in der Türkei nach einem Militärputsch die Macht mit der autoritären Religion verbündet gegen den Kommunismus – die Amerikaner, also der Westen, haben es in Afghanistan mit den Taliban getan. Und heute fördert Saudi-Arabien diese Auffassung des Islams mit sehr viel Geld überall, wo Muslime leben.

          Aber warum sind wir in unserer säkularen freiheitlichen Gesellschaft nicht attraktiv genug, um eine tolerante Strömung des Islams zu stützen?

          Man weiß aus Untersuchungen, dass die Leute, die als Kämpfer zum „Islamischen Staat“ gehen oder jedenfalls als Jugendliche in einem Identitätskonflikt stecken, in der Regel eher Halb- oder Unwissen haben über ihre Religion und dann irgendwann einmal auf ein religiöses Weltbild stoßen, das ihre Ich-Stärke erhöht – auch wenn das ein sehr verzerrtes Weltbild ist. Wir haben in Deutschland lange geglaubt, dass der Islam, der mit den Migranten gekommen ist, auch mit ihnen wieder gehen wird. Der damalige Bundesinnenminister Schäuble war der erste, der als Konservativer klar formulierte, dass der Islam mitsamt den Muslimen zu Deutschland gehört. Deshalb müssen wir uns auch gemeinsam darum kümmern, welche religiösen Vorstellungen in Deutschland lebenden muslimischen Kindern und Jugendlichen vermittelt werden. Das ist bei vielen eine relativ neue Erkenntnis.

          Haben wir einfach zu sehr darauf vertraut, dass sich in unserer säkularen Konsumgesellschaft auch religiös gebundene Neuankömmlinge allmählich säkularisieren werden?

          Absolut. Da herrschte ein binnenzentrierter Blick, der außer Acht gelassen hat, dass global gesehen eher Gegenbewegungen stattfinden. Das Mantra unserer Gesellschaft lautet doch, der Kulturstand ist höher, je weniger religiös ich bin. Das gilt mittlerweile ja auch bis tief in die Union hinein. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass CSU-Politiker von nach Deutschland kommenden Flüchtlingen eine Haltung verlangen, die eher zum linken Flügel meiner Partei passen würde. Aber wenn die generelle Erwartung an die Muslime sein sollte, dass diese Säkularisierung sich bei ihnen zwangsläufig auch vollziehen wird, dann wird sie enttäuscht werden. Nach Studien liegt der Anteil der Muslime in Deutschland, die sich gläubig zum Islam bekennen, bei 86 Prozent. Wenn wir das als Bedrohung empfinden, dann haben wir ein Problem. Dabei ist doch die spannende Frage, welchen Islam die 86 Prozent meinen. Den Islam meiner Mutter? Einen Islam, der in der Zeit und an dem Ort, an dem wir leben, zeitgenössisch ausgelegt wird?

          Sie haben im Blick auf die Auslegungen des Islams davor gewarnt, dass „die Falschen gewinnen“. Was kann man tun, um das zu verhindern?

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