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Cem Özdemir im Gespräch : „Ich will nicht, dass Saudi-Arabien Moscheen in Deutschland baut“

Der „Islamische Staat“ kommt ja nicht aus dem Nichts. Der IS hat politische, finanzielle und vor allem theologische Quellen. Und das Gleiche gilt für Boko Haram und für Al Qaida und für die Taliban. Und wenn man die Quellen sucht, landet man zwangsläufig immer in Saudi-Arabien und einigen anderen Golfstaaten. Dort sind die ideologischen Quellen für diesen Irrweg des Islams. Der saudische Wahhabismus ist nicht Teil des Problems, er ist seine Ursache.

Was soll man tun gegenüber Saudi-Arabien?

Saudi-Arabien bietet uns ja missionarische Hilfe an. Und ich würde klar sagen, diese Hilfe ist unwillkommen. Ich will nicht, dass ausgerechnet Saudi-Arabien Moscheen in Deutschland baut. Man muss sich auch fragen, ob es klug ist, ein bestehendes Problem zu vergrößern, indem man weiter Waffen nach Saudi-Arabien und nach Qatar liefert – Waffen, mit denen im Jemen gerade ein weiterer zerfallender Staat erzeugt wird, aus dem dann wieder Menschen zu Flüchtlingen werden. Und außerdem müssen wir generell unsere wirtschaftlichen Verbindungen nach Saudi-Arabien kritisch prüfen, aber auch den Einfluss, den die Saudis auf westliche Politik oder Meinungsmacher ausüben. Für mich ist der Dschihadismus, der aus Saudi-Arabien gestärkt wird, eine Variante des Faschismus. Das ist, wie man in Paris gesehen hat, eine existenzielle Bedrohung unserer Gesellschaft.

Verstärken die muslimischen Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, den orthodoxen Islam hierzulande?

Also die weitaus größte Zahl flieht vor dem dschihadistischen Terror. Die haben genauso viel Angst vor diesen Menschenfeinden wie alle anderen in Europa. Sie sagen, jetzt gibt es auch hier die Bomben, vor denen wir geflohen sind. Aber es gibt auch Salafisten, die bei uns in den Flüchtlingseinrichtungen unterwegs sind und versuchen, Nachwuchs zu rekrutieren für ihre Moscheen. Die Gefahr gibt es; also müssen wir uns kümmern. Aber genau hier liegt ein Problem: Es wäre wünschenswert, wenn wir da mehr Partner hätten, die diese spirituellen und religiösen Bedürfnisse stillen könnten, für die der Staat nicht zuständig sein kann. Also muslimische Seelsorger, die den Flüchtlingen die ein oder andere Last abnehmen. Das dürfen aber eben nicht die Salafisten sein.

Sie haben ja die bestehenden muslimischen Dachverbände in Deutschland jüngst stark dafür kritisiert, dass sie sich nicht als Religionsgemeinschaften qualifizieren, weil sie national gebunden seien, wie Ditib an die Türkei, oder politisch orientiert, wie der Islamrat, zu dem die orthodoxe türkische Milli Görüs gehört. Stört die Grünen an diesen Organisationen nicht vor allem, dass sie ein konservatives Weltbild propagieren?

Nein, meine Kritik richtet sich gar nicht pauschal gegen die Arbeit der Verbände. Die Arbeit von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime beispielsweise, schätze ich sehr, der nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ die muslimische Solidaritätskundgebung vor der französischen Botschaft organisiert hat. Aber er weiß so gut wie ich, dass die vier großen muslimischen Verbände nicht durch ein Glaubensbekenntnis geprägt sind, wie es das deutsche Staatskirchenrecht vorsieht. Und im Fall von Ditib haben wir es mit einer Organisation zu tun, die immer jene Einstellungen wiedergibt, die von den jeweiligen Regierungen in Ankara vertreten werden, mit Religion wie wir es kennen, hat dies nichts zu tun. Das gilt sicher nicht für alle Moscheen, die zu diesem Dachverband gehören. In vielen Moscheegemeinden machen besonders die Frauen eine beeindruckende Integrationsarbeit für junge Muslime. Aber für die Spitze des Verbands muss gelten, dass seine Repräsentanten sich nicht in erster Linie als Diplomaten anderer Staaten verstehen. Das kann kein Land zulassen, und wir dürfen es auch nicht. Ankara muss die Muslime in Deutschland freigeben.

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