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Cem Özdemir : Nicht mehr ganz so chic

Özdemir auf dem Parteitag der baden-württembergischen Grünen Bild: dpa

Der Bundesvorsitzende der Grünen hat an Glanz eingebüßt - und an Perspektive gewonnen. Cem Özdemir ist plötzlich dort anzutreffen, wo man ihn schon früher gern gesehen hätte.

          4 Min.

          „Und weit umher, in milder Sonne Glanz, ein grünend fruchtbar Land“, hat Ludwig Uhland über die Landschaft gedichtet, in der Cem Özdemir aufwuchs: Bad Urach, Schwäbische Alb. Schon früh hat der Sohn eines türkischen Gastarbeiters und einer Offizierstochter aus Istanbul angefangen, die dort heimischen Turmfalken gegen den Ansturm von Sportkletterern in Schutz zu nehmen. Bei den Grünen war er da noch ein kleines Licht. Und auch sonst.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Özdemir erzählt gerne, wie sein Grundschullehrer einmal in den Klassenraum hinein fragte, wer denn aufs Gymnasium wolle. Der Schüler Cem meldete sich als Erster - was der Lehrer mit einem Lachen quittierte. Für Özdemir war es Demütigung und Ansporn zugleich. Aufs Gymnasium ist er danach zwar nicht gegangen, auf dem zweiten Bildungsweg brachte er es aber doch zum Diplom-Sozialpädagogen mit Fachhochschulabschluss.

          Im Gegensatz zum Lehrer erkannten die Grünen das Talent Özdemirs ziemlich schnell. Auch das Potential, das für die Partei in einem türkischstämmigen Deutschen steckte. 1989 ermunterte ihn ein Parteifreund, Mitglied des Landesvorstands zu werden. So kam es. Nur fünf Jahre später war Özdemir Bundestagsabgeordneter, der erste türkischstämmige überhaupt. Die Medien interessierten sich sehr für den „anatolischen Schwaben“, der auch als Model für Herrenmode keine schlechte Figur machte und überhaupt die Fähigkeit zeigte, den Rummel um seine Person zu genießen.

          Milieuuntypische Verhaltensvorlieben

          Wenn nicht mindestens 50 Leute da seien, komme der Cem gar nicht, hieß es damals bei den Grünen. Ein kleines bisschen zu viel wurde es ihm erst, als er 1998 von der türkischen Zeitung „Hürriyet“ wegen seiner Haltung in der Kurden-Frage zum Landesverräter abgestempelt wurde und deswegen Personenschützer an die Seite gestellt bekam. Özdemirs Geschichte ließ sich bis dahin als die Geschichte eines unerschrockenen Aufsteigers erzählen, der in der eigenen Person verkörperte, dass Integration möglich ist. Sein Abstieg begann 2002.

          Zwar setzte er sich in dem Jahr noch gegen Oswald Metzger durch und bekam einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl. Doch wegen der Bonusmeilen-Affäre nahm er das Mandat nicht an. Özdemir verschwand aus dem grünen Parteiuniversum in Richtung Amerika, wo er etwa an der Universität von Wisconsin Vorträge zur Rolle der Türkei in Europa hielt. Zwei Jahre war er weg. Dann trat er zur Europawahl an und wurde ins Europäische Parlament gewählt. Einer der häufigsten Sätze, die man über ihn zu dieser Zeit hörte, war: „Der Cem schwebt ein.“ Dass die Partei mit ihm fremdelte, lag auch an seinen milieuuntypischen Verhaltensvorlieben.

          Wenn er die Wahl hatte, verbrachte er den Abend lieber nicht bei billigem Ökowein im alternativen Kulturzentrum. Auf Parteitagen hielt er sich manchmal nicht an strategische Absprachen. Das zeigte sich noch vor der Landtagswahl 2011, als er den Wahlkampf urplötzlich mit der Aussage durcheinanderbrachte, der CDU-Ministerpräsident Mappus wolle „Blut sehen“. Gemeint war der Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner.

          Claudia Roth stahl ihm die Show

          Özdemir gehörte immer zu den Realo-Realos - Boris Palmer, Reinhard Bütikofer, Robert Habeck heißen bis heute seine Unterstützer. Auf der Linken fehlte es ihm oft an Rückhalt. Auf einem Landesparteitag 2008 verdrängten ihn die von einem vorderen Listenplatz - obwohl Özdemir da schon designierter Bundesvorsitzender war. Er scheiterte allerdings nicht nur an den Linken und der mangelnden Organisation der Realos, sondern auch an seiner Eitelkeit: Hätte er sich mit Platz 11 auf der Landesliste zufriedengegeben, wäre er in den Bundestag gekommen. Stattdessen kandidierte er gegen Alexander Bonde, im Gegensatz zu ihm ein richtiger Parteiseelenstreichler - und unterlag.

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