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Cem Özdemir über Ditib : „Das ist ein Täuschungsmanöver“

  • -Aktualisiert am

„Mit den aktuell Verantwortlichen, das muss man ganz klar und hart sagen, geht gar nichts“: Cem Özdemir über den umstrittenen Islam-Dachverband Ditib Bild: dpa

Der türkischstämmige Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir lässt kein gutes Haar am Neuanfang des umstrittenen Islam-Dachverbandes Ditib. Im gegenwärtigen Zustand gehöre Ditib nicht zu Deutschland. Ein Interview.

          Herr Özdemir, die Ditib hat am Mittwoch ihre „Visionen“ für die Zukunft vorgestellt. Der Vorsitzende Kazim Türkmen fordert eine Deeskalation und eine Rückbesinnung auf Sachthemen. Ist das ein Signal in die richtige Richtung?

          Das ist ein Täuschungsmanöver. Statt nebulöser Sprüche zum Besten zu geben, sollte Herr Türkmen erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren und die Ditib grundlegend neu aufstellen. Und zwar, indem er beispielsweise abgesetzte Vorstände wieder einsetzt, indem er sich klar und deutlich von der Ditib-Linie der letzten Jahre distanziert und indem er deutlich macht, wie der Pfad der Loslösung von Ankara aussieht. Nichts dergleichen ist von Herrn Türkmen zu erwarten.

          Die Ditib strebt nun die Anerkennung als Religionsgemeinschaft an. Welche Faktoren müssten dafür erfüllt sein?

          Da kann ich nur fragen: Wovon träumen die Ditib-Vertreter nachts? Ich sehe keinerlei Bedingungen auf dem Weg dorthin erfüllt. Im Gegenteil: Die Ditib ist im Verhältnis zu früher Lichtjahre von einer Anerkennung entfernt. Sie hat nicht nur nichts dafür getan, diese Ziele zu erreichen, sondern sie hat sich selbst diskreditiert von jeder Annäherung in dieser Frage. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Ahmet Dilek ist das beste Beispiel dafür. Als ehemaliger Religionsattaché in Köln war er mit dafür verantwortlich, dass damals Ditib-Kritiker und Gegner des Erdogan-Regimes  ausspioniert wurden. Das heißt, es sitzt jemand, der Spionage mit getragen hat, mit im Vorstand der Ditib. Das ist eine klare Botschaft, welche Sicht auf unser Land und welche Sicht auf die Werte der Bundesrepublik Deutschland bei der Ditib vorherrschen. Damit ist der Verband gegenwärtig leider nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

          Was meinen Sie damit?

          Ditib ist eine Organisation, die versucht, die Politik von Erdogan und die türkisch-islamistische Synthese – einer Art Koalition von Ultra-Nationalisten und eine besonders reaktionäre Auslegung des sunnitischen Islams – zusammenzubringen. Schlimm genug, dass das in der Türkei passiert. Aber hier in Deutschland hat das nichts verloren. Und keine Partei, kein demokratischer Politiker, kein Ministerium und keine Schule sollte sich dafür hergeben, diese Ideologie in Deutschland zu unterstützen oder gar mit öffentlichen Geldern zu fördern. Im Übrigen ist Ditib nicht der einzige zweifelhafte Verband: Wir sollten auch Milli Görüs und Atib, aber auch IGD und Islamic Relief stärker ins Visier nehmen. Sie stehen für eine Bedrohung des mehrheitlich moderaten Islams, den ich beispielsweise von meiner Mutter gelernt habe – zu Gunsten einer besonders reaktionären Auslegung des Islams. Da müssen die deutschen Behörden ganz genau hinsehen.

          Wird für Sie damit auch die viel diskutierte Moscheesteuer unmöglich, von der ihre Befürworter glauben, dass sie die Unabhängigkeit der Imame sichern könnte?

          Ich kann mir vieles vorstellen, wenn die Ansprechpartner und ihr Kurs sich ändern. Mit den aktuell Verantwortlichen, das muss man ganz klar und hart sagen, geht gar nichts. Trotzdem bleibt es natürlich nach wie vor das Ziel, dass sich die Verbände vom Einfluss des Herkunftslandes lösen und sich klar zum deutschen Grundgesetz bekennen. Wir können uns nicht davon abhängig machen, wer in der Türkei oder in Saudi-Arabien gerade das Sagen hat. Auf absehbare Zeit scheint das eher der fanatische Kurs von Herrn Erdogan und der saudi-arabische Wahabismus zu sein. Und auf dieser Grundlage können wir die Integration des Islam nicht fördern. Der Islam gehört zu Deutschland, und auch die Muslime gehören zu Deutschland. Aber diese Dachverbände, die es gegenwärtig gibt – und damit meine ich ausdrücklich nicht nur Ditib – in ihrem jetzigen Zustand nicht. Die müssen sich radikal ändern.

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