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CDU : Was Angela Merkel fehlt

Der CDU-Parteitag in Hannover wählt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit fast 98 Prozent wieder zur Vorsitzenden. Bild: reuters

Keine flammenden Reden, kein Alles oder Nichts, keine privaten Skandale: Die Kanzlerin macht ihren Job auf ihre Art, und ziemlich viele finden das gut so.

          Als Angela Merkel vor zwölf Jahren zur Bundesvorsitzenden der CDU gewählt wurde, hätte keines der Mitglieder des Anti-Angie-Pakts auch nur eine Flasche Rotkäppchen-Sekt darauf gewettet, dass Kohls einstiges „Mädchen“ noch im Jahr 2012 an der Spitze der Partei stehen würde. Und erst recht nicht, dass sie dann auf schon sieben Jahre im Kanzleramt würde zurückblicken können. Doch mehr als ein Jahrzehnt später ist der „last man standing“ der CDU immer noch die Frau, die viele Anden-Freunde nicht auf ihrer Rechnung hatten, und wenn, dann nicht für lange.

          Worin liegt das Geheimnis dieser Kanzlerin, die mit dem Vorwurf leben muss, sie sei eine Frau ohne politische Leidenschaften? Deren Politik zur Rettung des Euros ansonsten friedlichen Zeitgenossen aber Schaum vor den Mund zu treiben vermag? Und die dennoch über eine Energiewende und einen Koalitionswechsel hinweg - den noch kein Kanzler vor ihr überstand - die populärste Politikerin Deutschlands geblieben ist?

          Der Vorwurf, ihr fehle vieles, was andere Vollblutpolitiker auszeichne (Überzeugungen, Werte et cetera), führt auf der Suche nach den Gründen für die erstaunliche Karriere Angela Merkels nicht einmal völlig in die falsche Richtung. Mit den Ex-Alphawölfen ihrer Partei, aber auch anderer weltanschaulicher Vereinigungen konnte sie es gleich in mehreren Disziplinen nicht aufnehmen.

          So hat sie, nach allem, was man weiß, keinen Kredit bei einer reichen Freundin aufgenommen (an der es ihr nicht mangeln würde), um ihre Datsche in der Uckermark zu finanzieren. Sie verpfändete dafür auch nicht die Bibel ihres Vaters. Ihre Doktorarbeit schrieb sie nicht von dieser Zeitung ab. Sie hatte nichts mit einem jüngeren Mann, geschweige denn mit einer jüngeren Frau. Noch nicht einmal der Versuchung, hochdotierte Vorträge vor den Stadtwerken klammer Kommunen zu halten, ist sie erlegen.

          Stattdessen tut sie ihren Job auf eine Weise, der die Kommunikationsberater und Spinprofessorinnen der Republik verzweifeln lässt: Keine flammenden Reden, kein Paradigmenwechsel (ganz egal, von welchem zu welchem), kein europäisches Narrativ. Nicht einmal ein Alles oder Nichts, wenigstens hin und wieder. Angesichts der schmalen rhetorischen Kost, mit der die Republik unter dieser Kanzlerin auszukommen hat, muss man ihre Rede auf dem Parteitag in Hannover schon zu ihren lebendigsten rechnen. Darin hat sie alle Politik der CDU einschließlich der Energiewende und der Debatte über die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften (egal, wie sie ausgeht) auf das christliche Menschenbild zurückgeführt. Da nickt sogar der Berliner Kreis zufrieden.

          Angela Merkel wagt den Umbau der EU

          Angela Merkel poltert nicht wie Strauß, noch nicht einmal wie Seehofer. Ihr fehlt der Sinn für die große historische Geste, den (der als Provinzpolitiker verspottete) Kohl hatte. Doch zu behaupten, ihr mangele es vollständig an Überzeugungen, für die sie folglich auch nicht kämpfen könne, geht an der Wahrheit vorbei.

          Das zeigt nichts so deutlich wie ihre Politik in der Staatsschuldenkrise. Es wäre ein Leichtes, den selten derart im Gleichschritt aufmarschierenden Empfehlungen weiser Wirtschaftsprofessoren und der erst recht allwissenden Stammtischstrategen nachzugeben und zu einer Politik der harten Schnitte überzugehen; einen Volksaufstand dagegen würde es nicht geben. Die Kanzlerin aber entschied sich für den anderen, unpopuläreren Weg, der nicht mit weniger Risiken behaftet ist als das „Ende mit Schrecken“ (von dem niemand weiß, wie lange es dauern würde). Es ist fraglich, ob der Versuch gelingen kann, ganze Völker, Staaten und Volkswirtschaften umzuerziehen und umzubauen. Wie lange werden die Geberländer im Norden bereit sein, diesen Umbau zu finanzieren, der auch sie selbst nicht verschont? Und wie lange werden die Nationen, die Teil dieses Transformationsexperiments sind, die mit ihm verbundenen Härten ertragen?

          Die Kanzlerin, der gerne vorgehalten wird, sie scheue das Risiko, hat sich nach der ihr eigenen nüchternen Abwägung von Zwängen, Gefahren und Chancen an nichts weniger als an den Umbau der Europäischen Union herangewagt. Er wird immer mit ihrem Namen verbunden bleiben, wie er auch ausgeht. Schon jetzt werfen ihr aufgebrachte Bürger Volksbetrug und Landesverrat vor. Die Mehrheit der Deutschen aber scheint ihr zu glauben, dass es kein Wundermittel zu einer schmerzfreien oder wenigstens schnellen Lösung der Krise gibt. Auch die Opposition, die nichts lieber täte, als Frau Merkel eine vollkommen falsche Europapolitik vorzuwerfen, stimmte ihrer Linie jedes Mal zähneknirschend zu.

          Kein Wunder also, dass auch der Volkspartei im Wandel, der CDU, nichts anderes übrigbleibt, als ihrer Kanzlerin zu huldigen: Angela Merkel ist für ihre Partei „alternativlos“ geworden. Mit ihr an der Spitze sieht die CDU so stark aus wie schon lange nicht mehr. Erlischt jedoch eines Tages die Aura der Kanzlerin, dann wird man sehen, wie leer es um sie herum an der Spitze der Partei geworden ist. Diese Leerstellen müssen der CDU mindestens so große Sorgen machen wie die Frage, in welchen Städten sie den Oberbürgermeister stellt.

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