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Merz, Röttgen und Braun : Konzert ähnlich klingender Antworten mit unterschiedlichen Tonlagen

Im Rampenlicht: Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Helge Braun bei einer Townhall-Veranstaltung im Konrad-Adenauer-Haus Bild: dpa

Im Talkshow-Format machen die drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz Werbung für sich. Bald entsteht der Eindruck, die Frage-Regie habe jene Erneuerung vorweggenommen, um die sich Braun, Merz und Röttgen eigentlich erst kümmern wollen.

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          Friedrich Merz und Helge Braun tragen Krawatte, Norbert Röttgen, der dritte Kandidat für den CDU-Vorsitz, ist ohne Schlips erschienen. Das ist ein augenfälliges Unterscheidungsmerkmal, aber womöglich kein ausreichendes für rund 400.000 CDU-Mitglieder, die vom Wochenende an in einer Befragung bestimmen wollen, wer sie künftig anführen soll. Die CDU-Parteizentrale hat einen gemeinsamen Auftritt der drei Männer als Entscheidungshilfe organisiert, unter Pandemie-Bedingungen und im Talkshow-Format: 25 Parteimitglieder sind mit ihren – zuvor im Internet gestellten – Fragen eingeladen worden und werden nacheinander von einer Moderatorin aufgerufen; das Bewerbertrio darf jeweils eine Minute lang Antworten geben.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es entsteht bald der Eindruck, die Frage-Regie habe jene Erneuerung der Partei schon vorweggenommen, um die sich doch die drei Kandidaten erklärtermaßen erst kümmern wollen. Die CDU hat, wie von ihnen immer wieder beklagt worden ist, Defizite bei der Repräsentanz von Frauen, von Migranten, von Ostdeutschen, von jungen Menschen. Im CDU-Befragungsstudio werden mit ihren Fragen zunächst mehrere Frauen, auch aus Ostdeutschland, dann Männer mit Migrationshintergrund und Junge aufgerufen.

          Im Konzert der ähnlich klingenden Antworten wirken nach einer Zeit die Töne des Kandidaten Merz doch konservativer als die der anderen, der Klang des Kandidaten Braun wirkt staatstragender und ausgleichender, die Stimmlage des Kandidaten Röttgen will auf jeden Fall unkonventioneller wirken. In den Antworten auf die erste Frage, die Corona gilt, steckt Braun noch tief in seiner gegenwärtigen Funktion als amtierender Kanzleramtsminister und propagiert Impfen, Boostern und möglichst einheitliche Beschränkungsmaßnahmen. Röttgen lässt wissen, er habe sich inzwischen „zu einer allgemeinen Impfpflicht durchgerungen“, Merz hingegen will Rücksicht genommen wissen auf alle jene, „die sich aus ernsthaften Gründen nicht impfen lassen können“.

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          Kein Kandidat vergisst die Frau an seiner Seite

          Alle drei vergessen im Verlauf des Abends nicht den Hinweis, dass sie in ihrem Bewerberteam Frauen an ihre Seite geholt haben; Braun und Röttgen haben jeweils die Bundestagsabgeordneten Serap Güler und Franziska Hoppermann als Generalsekretärin nominiert, Merz will die Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp zur stellvertretenden Generalsekretärin machen. Auf die Frage, wie der Anteil von Frauen unter Mitgliedern und Funktionären gesteigert werden könne, erinnert Braun an die in Aussicht gestellte Frauenquote und sagt, „wir haben so viele starke Frauen, die wir jetzt auch in den Mittelpunkt stellen müssen“, während Merz ein wenig paternalistisch berichtet, er sei im Bundestagswahlkampf gezielt in Wahlkreise gereist, in denen Frauen für die CDU kandidierten und er wolle sich als Parteivorsitzender auch vorbehalten, in Wahlkreisen vor der Kandidaten-Nominierung weibliche Bewerber zu unterstützen, „auch wenn mir der ein oder andere Mann dann böse ist“.

          Es kann sein, dass Friedrich Merz, der Älteste in der Runde, die CDU, so wie sie ist, ein wenig besser kennt als Braun, der die CDU schöner aussehen lassen, und Röttgen, der sie neuer machen will. Die Partei habe sich in ihrer langen Regierungszeit ja oft zurücknehmen müssen, um die jeweiligen Koalitionen bestehen zu lassen, sagt Braun in seinem Schluss-Statement, nun müsse sie sich „schnell erneuern“ und „organisatorisch digitalisieren“. Fast nostalgisch anmutend erinnert er dann an die alten Wahlziele Helmut Kohls – 40 Prozent plus x – und beteuert, er wolle dafür sorgen, „dass wir da wieder hinkommen“.

          Röttgen hingegen will seinen Reformeifer kaum bremsen lassen, hält den aktuellen Zustand für desolater, die Erneuerungszwänge für umfassender. Auf die Frage, wie aus den Flügelkämpfen in der Partei neue Einigkeit entstehen könne, sagt Braun artig, die CDU müsse ihre verschiedenen weltanschaulichen Wurzeln wieder als Stärke begreifen. Röttgen hingegen seufzt, wenn wir doch bloß Flügelkämpfe hätten, wie es sie einst etwa zwischen Heiner Geißler und Alfred Dregger gab, dann könnten wir wenigstens demonstrieren, dass wir um Inhalte streiten. Merz hat den praktischen Rat parat, er werde künftig dafür sorgen, dass aus vertraulichen Parteiführungstreffen kein Zwist nach draußen dringe, indem alle Teilnehmer aufgefordert würden, ihre Mobiltelefone nicht mit in den Tagungsraum zu nehmen.

          Ein Schlusswort mit Bild

          Am Ende sollen alle drei Bewerber ihre Schlussworte mit einem selbst ausgesuchten Bild anreichern. Merz hat das Werbefoto seiner eigenen Bewerbungskampagne dabei, das ihn selbst zeigt, umgeben von Mario Czaja, der sein Generalsekretär werden soll, und der Stellvertreter-Kandidatin Stumpp. Braun hat ein Foto von jubelnden CDU-Anhängern dabei – so soll es wieder werden, lautet seine Botschaft. Röttgen zeigt einen Familienschnappschuss von sich, Frau und Tochter, sinniert über den Wert des Familienlebens außerhalb der Politik und darüber, dass einem dort „alle Themen des täglichen Lebens“ begegneten.

          Das allerletzte Wort gehört dann aber doch dem gegenwärtigen Generalsekretär Paul Ziemiak, der die Gelegenheit zu einer kurzen Werbebotschaft an die Zuschauer nutzt: Wem die Kandidatenschau gefallen habe, der könne ja rasch noch Parteimitglied werden und sich jetzt an der Entscheidung beteiligen.

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