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Grün-schwarze Koalition : Was nicht passt, wird passend gemacht

Passt das zusammen? Ministerpräsident Kretschmann (Grüne, links) und der CDU-Landesvorsitzende Strobl schütteln sich die Hände. Bild: dpa

Die Anhänger der Grünen und der CDU in Baden-Württemberg stammen aus unterschiedlichen Welten. Sie müssen sich mühsam zusammenraufen, wollen sie erfolgreich eine Koalition bilden. Schaffen sie das?

          7 Min.

          Auf CDU-Parteitagen im Südwesten gibt es ein altes Ritual. Irgendwann, wenn der Landesvorsitzende oder, als die Zeiten noch besser waren, der Ministerpräsident gesprochen hat, bekommen die Delegierten ihre Saitenwürstchen mit Linsen oder Maultaschen serviert. Man könnte auch sagen: auf den Tisch geknallt. Meistens schwappt die Sauce über die Teller auf die Antragsbücher, die bei der CDU selten gelesen werden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bei den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen zur Bildung der ersten grün-schwarzen Koalition Deutschlands müssen sich die Unterhändler der CDU an ihre künftige Juniorrolle und einiges andere gewöhnen. Die härteste Geduldsprobe war seit Beginn der Verhandlungen für manche CDUler eine kulinarische. Statt Maultaschen mussten sich die Innenpolitiker in ihrer Arbeitsgruppe an einem Verhandlungstag mit „gebratenem Gemüse“ im Brötchen zufrieden geben. Arbeit ohne ein ordentliche Portion Fleisch, für die CDU ist das noch äußerst gewöhnungsbedürftig.

          Urlaub mit den CDU-Kollegen unvorstellbar

          Die Koalitionsverhandlungen von Grünen und CDU in Stuttgart sind ein Erkundungsprogramm von Politikern zweier unterschiedlicher Parteien, die sich in unterschiedlichen Milieus und ziemlich verschiedenen Denkwelten bewegen. Obwohl die Grünen mehr als dreißig Jahre den politischen Kosmos dieser Republik und Baden-Württembergs bevölkern, sind sich die Politiker der Öko-Partei und die CDU trotz unzähliger Spaghetti- und Pizza-Runden ziemlich fremd geblieben.

          Grüne Fraktionsmitarbeiter erzählen gern, dass sie sich nur schwer einen gemeinsamen Urlaub mit den Kollegen der CDU vorstellen könnten, zu unterschiedlich seien die Ziele. Trekkingtour durch Marokko oder Fünf-Sterne-Hotel auf Lanzarote. Die Grünen sind mit einem antibürgerlichen Habitus groß geworden, doch viele der auch heute handelnden Politiker entstammen gutbürgerlichen Verhältnissen, gerade im Südwesten. Die Südwest-CDU ist den Weg der Merkel-CDU nicht mitgegangen; die Grünen sagen, die Landespartei habe ein „heftiges Modernisierungsdefizit“.

          Das beschreibt ein Problem dieser Koalitionsverhandlungen. „Im Verständnis von Bürgertum als jener Gruppe Menschen, die sich aktiv in die Gesellschaft einbringen und sich für diese engagieren, eint Bündnis 90/Die Grünen und Union heute mehr als sie trennt“, schrieb Saskia Richter, die früh verstorbene Biographin von Petra Kelly, in einem Aufsatz zur Frage, ob die Grünen eigentlich eine bürgerliche Partei seien. Das Engagement für Gemeinschaft verbinde Grüne und die CDU.

          Ein ehemaliger CDU-Landesminister sagt nach mehreren Wochen Koalitionsverhandlungen: „Wir teilen die Philosophie der Grünen in der Grundausrichtung nicht, aber wir müssen jetzt ja dennoch zusammenarbeiten.“ Beide Aussagen klingen ziemlich ernüchternd, und es stellt sich die Frage, wie sich eine Koalition zimmern lässt, die gut funktioniert und auch noch fünf Jahre hält.

          Man redete häufig aneinander vorbei

          Eine erste Antwort auf diese Frage gab der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Grüne und CDU müssten eine „Komplementärkoalition“ mit einigen Projekten vereinbaren, also eine Ehe auf Zeit, in der beide Partner vorher miteinander vereinbart haben, ganz bewusst auch mal getrennte Wege zu gehen. Seit Anfang April haben CDU und Grüne in neun Arbeitsgruppen über alle Themen von Haushalt bis Umwelt verhandelt.

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