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Gastbeitrag : Schafft die CDU das C ab, schafft sie sich selbst ab

  • -Aktualisiert am

Die deutsche Flagge weht neben dem vergoldeten Turmkreuz der Wartburg in Eisenach. Bild: dpa

Das C macht CDU und CSU so attraktiv wie nie zuvor – gerade weil wir in Zeiten von Werteverfall und gesellschaftlicher Orientierungsnot leben. Ein Gastbeitrag des kirchenpolitischen Sprechers der Unionsfraktion.

          3 Min.

          Das C im Parteinamen der Christlich-Demokratischen Union stand nach 1945 für die tiefe Sehnsucht nach einem politischen Neubeginn im Zeichen von Frieden, Menschenwürde und Humanität, inspiriert vom universalen Geist der biblischen Botschaft und ihres Zeugnisses von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Aber wie steht es heutzutage um die Geltung des C?

          Unsere Gesellschaft ist heterogener, das weltanschaulich-religiöse Spektrum breiter und pluraler und der Einfluss der beiden großen Kirchen stetig schwächer geworden. Einige wollen nun daraus ableiten, dass die Union auch das C im Parteinamen neu überdenken sollte. Zuletzt der Mainzer Historiker Andreas Rödder, selbst CDU-Mitglied. Er behauptet, dass das C „in einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft“ immer mehr „als Barriere für Nichtchristen“ empfunden werde und darum eine „Flurbereinigung in der Namensfrage“ vorgenommen werden könne.

          Einer solchen Idee ist jedoch grundlegend zu widersprechen. Wenn Andreas Rödder vom C als einer „Barriere für Nichtchristen“ spricht, unterliegt er einem grundlegenden Missverständnis: Das C ist aufgrund seiner universalen Botschaft weltanschaulich gerade nicht exklusiv, sondern plural anschlussfähig, inklusiv und integrativ. Es ist gerade in Zeiten von Werteverfall und gesellschaftlicher Orientierungsnot so attraktiv wie nie zuvor, nicht zuletzt auch für Konfessionslose und Andersgläubige.

          Thomas Rachel (CDU) ist Sprecher für Kirchen und Religionen der Unionsfraktion im Bundestag.
          Thomas Rachel (CDU) ist Sprecher für Kirchen und Religionen der Unionsfraktion im Bundestag. : Bild: epd

          Das C bildet den zentralen Markenkern und das Alleinstellungsmerkmal der Unionsparteien und nicht nur einen „Namenszusatz“. Erst die brückenbauende und pragmatisch-konsenssuchende Grundorientierung durch das C schafft den wahren Ausgleich der unterschiedlichsten Interessen und Positionen. Das C war und ist niemals Ausdruck einer politisch-ideologischen Doktrin, sondern einer lebendigen Werte- und Geisteshaltung, die aufgrund ihres verbindenden Menschenbildes und ihres verbindlichen Freiheitskonzeptes (Freiheit in Verantwortung) bleibend attraktiv ist. Dieses christliche Menschenbild, dem sich die Unionsparteien verpflichtet wissen, ist Selbstverpflichtung und „Stachel im Fleisch“ (Richard von Weizsäcker).

          Das C inspiriert zu Maß und Mitte

          Das C sorgt dafür, dass auch in der Politik die Endlichkeit, Vorläufigkeit und Fehlerhaftigkeit unserer menschlichen Natur nicht in Vergessenheit gerät. Das Grundsatzprogramm der CDU von 2007 beschreibt deshalb zu Recht: „Jeder Mensch ist Irrtum und Schuld ausgesetzt“. Darum inspiriert das wohlverstandene C auch heute noch zu einem Politikverständnis, das sich nicht an utopischen Idealen einer perfekten Welt mit moralisch perfekten Menschen orientiert, sondern in verantwortlicher Weise nach den jeweils bestmöglichen Lösungen sucht, realitäts- und menschennah sowie mit Maß und Mitte.

          Auch die Soziale Marktwirtschaft ist Ausfluss des christlichen Menschenbildes, weil sie den Menschen weder marktliberal überhöht noch kollektivistisch-sozialistisch erniedrigt. Mit ihr ist die Versöhnung von Kapital und Arbeit gelungen. Heute gilt es, das Versprechen „Wohlstand für alle“ mit der Bewahrung der Schöpfung und konsequentem Klimaschutz zu verknüpfen. Das C setzt klare Impulse auch in allen gesellschaftspolitischen, bioethischen und menschenrechtlichen Fragen: Wie schützen wir die Würde des Menschen am Anfang und am Ende des Lebens? Wie definieren wir eine Gesellschaft der Freiheit im 21. Jahrhundert, die aber auch um ihre Sozialbindung, Solidarität und Verantwortung für die Ausgegrenzten, Armen und Schwachen weiß?

          Rödder unterstellt „gute Gründe für eine Flurbereinigung in der Namensfrage, mit der sich die CDU (…) im Einklang mit center-right-Parteien in Europa (…) verorten könnte“. Dies wäre aber eine Verschiebung im Koordinatensystem und eine fatale Verengung im politisch-programmatischen Anspruch der Union. Denn nur durch die versöhnende Klammer und die gemeinsame Wertegrundlage des C ist es für die Volkspartei der Mitte möglich, die ganz unterschiedlichen liberalen, konservativen und sozialen Kräfte unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln. Das C setzt deshalb auch eine klare Grenze nach rechts.

          Das C ist und bleibt der wahre Schatz der Union. Es ist der wesentliche Garant dafür, dass wir auch in Zukunft in der Breite und Mitte der Gesellschaft verwurzelt bleiben. Schafft die CDU das C ab, schafft sie sich selbst ab. Wenn sie den tragenden Bezug zu den universalen christlichen Wertgrundlagen und dem christlichen Menschenbild streichen würde, würde sie ihren inneren Kompass verlieren. Ein Abschied von der Wertebindung des C würde den Identitätskern der Union zerstören. Deshalb muss die Union das C durch glaubwürdige Haltung und Politik wieder mehr zum Leuchten bringen. Hier liegt die wesentliche Kraftquelle für die glaubwürdige Erneuerung der Partei.

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