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CDU-Politiker macht Rückzieher : „Homosexualität gehört zur Realität“

  • -Aktualisiert am

Immer wieder in der Kritik nach Stellungnahmen zu „sensiblen Themen“: Der CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer Bild: dpa

Der umstrittene hessische CDU-Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer hat seine „missverständlichen“ Äußerungen zur Homosexualität bedauert. Jeder Mensch habe das Recht auf freie Entfaltung seiner sexuellen Orientierung, heißt es nun in einer Erklärung Irmers.

          Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, Hans-Jürgen Irmer, hat seine jüngsten Aussagen zum Thema Homosexualität („nicht normal“) bedauert. „Ich habe in der Vergangenheit bei schwierigen und sensiblen Themen mitunter Formulierungen gewählt, die zum Teil missverständlich waren und so interpretiert wurden, dass Menschen sich zu Recht verletzt fühlen konnten“, äußerte er auf der Homepage seines CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill. Homosexualität gehöre für ihn „selbstverständlich zur Normalität“.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Mit „sensible Themen“ sind neben der Homosexualität vor allem die Einwanderung und der Islam gemeint, zu denen Irmer in den vergangenen Jahren häufig kritisch oder polemisch Stellung bezogen hatte - zumeist in der von ihm geführten Zeitung „Wetzlar Kurier“. Oft führte das zu harten Auseinandersetzungen im Landtag, in denen die Opposition von der regierenden CDU regelmäßig verlangte, Irmer aus der Fraktion auszuschließen oder ihn zumindest von seinen Funktionen - gegenwärtig ist er auch bildungspolitischer Sprecher - abzuberufen.

          Die jüngste Kritik an Irmer entzündete sich an Äußerungen, mit denen er vor zwei Wochen in der Zeitung „Frankfurter Neue Presse“ zitiert wurde. In Bezug auf die Thematisierung von Homosexualität im Schulunterricht sagte Irmer demnach, er halte das für einen möglichen „Konfliktpunkt“ in der schwarz-grünen Koalition. Und er setzte hinzu: „Homosexualität ist nicht normal. Wäre sie es, hätte der Herrgott das mit der Fortpflanzung anders geregelt.“ Kurz danach hatte Irmer gesagt, er sei von der Zeitung selektiv zitiert worden.

          Günter Rudolph, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, hatte Irmers Einlassungen schon vor Tagen als „unerträglich“ kritisiert. „Man stellt sich schon die Frage, wieso der CDU-Landtagsabgeordnete in regelmäßigen Abständen Minderheiten und Andersdenkende denunzieren und diskriminieren darf, ohne dass dieses Verhalten ernsthafte Konsequenzen hat.“

          Grüne: „Klarstellung war überfällig“

          Die CDU müsse endlich reagieren und ihn als bildungspolitischen Sprecher abberufen. Aber auch der grüne Koalitionspartner der CDU machte aus seinem wachsenden Ärger kein Hehl. Entsprechend frostig fiel nun die Stellungnahme zur jüngsten Erklärung Irmers aus. „Die Klarstellung von Herrn Irmer war überfällig“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Mathias Wagner. „Angesichts der bisherigen Erfahrungen kann er jedoch nur noch durch sein künftiges Verhalten die Glaubwürdigkeit seiner Worte unter Beweis stellen.“

          Auch die Stellungnahme des Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, Michael Boddenberg, ließ erkennen, dass das Thema Irmer neue Sprengkraft für die ansonsten harmonisch funktionierende schwarz-grüne Koalition bekommen hat: „Es war absolut notwendig, dass Hans-Jürgen Irmer seine Äußerungen mit der heutigen Erklärung klargestellt und ergänzt hat, weil er vielfach so verstanden wurde, dass Menschen in erheblichem Maße irritiert und enttäuscht worden sind und sich in ihrer Würde verletzt fühlten. Ich nehme diese Erklärung zur Kenntnis und akzeptiere sie“, sagte Boddenberg am Montag und fügte hinzu: „Ich bedaure sehr, dass Hans-Jürgen Irmer bei einer derart sensiblen Thematik durch äußerst missverständliche Formulierungen den Eindruck erweckt hat, als gäbe es an den Inhalten des Koalitionsvertrags auch nur den leisesten Zweifel. Die Verärgerung auf Seiten unseres Koalitionspartners aber auch in unserer eigenen Fraktion kann ich sehr gut nachvollziehen.“ Von personellen Konsequenzen sah Boddenberg ab.

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