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CDU-Parteitag : Katz und Kanzlerin

Unter bayerischem Schutzschirm: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer auf dem Parteitag in Hannover Bild: dapd

Auch am Tag danach betört das „kubanische Wahlergebnis“ Angela Merkels noch manchen Redner auf dem Parteitag. Selbst der Gast Seehofer gibt sich beeindruckt.

          Das Wahlergebnis für die Vorsitzende Angela Merkel (fast 98 Prozent immerhin), ermuntert auf dem CDU-Parteitag am Mittwoch zu weiteren Superlativen: „Die große Europäerin, Angela Merkel“, rühmt Unionsfraktionschef Kauder sie auf der Parteitagsbühne in Hannover, und schwärmt in hastigen Wendungen weiter: „wenn wir jetzt auf unsere Partei, Angela Merkel, schauen.“ Da hat Kauder in einem Satz gleich alles in eins gesetzt: den Parteitag, die Partei, ihre Anführerin. Als wollten alle Merkel sein.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auch der Vorsitzende der CSU, der „Schwesterpartei“ wie sie üblicher Weise genannt wird, will dann natürlich nicht auf Huldigungen verzichten. „Hoch verehrte, liebe Frau Bundeskanzlerin“ - und das ist nur die Anrede, mit der Seehofer seinen Parteitagsgruß beginnt. Kein CSU-Vorsitzender habe jemals ein solches „kubanisches Wahlergebnis“ erreicht, stellt der CSU-Vorsitzende dann fest, bevor er seine Vorsitzenden-Kollegin Merkel zu einer Art übergeordneten Unionspräsidentin erhebt: „Du repräsentierst die christliche Union, demokratisch wie sozial, wir sind stolz auf Dich“.

          Horst Seehofer und Angela Merkel in Hannover: „Du bist unsere Nummer Eins“

          Es folgen in Seehofers Grußwort einige ausschweifend formulierte Unterordnungsgesten, allerdings gegründet auf ein Fundament felsigen bayerischen Selbstbewusstseins: die CSU könne nach aktuellen Umfragen bei der Bundestagswahl 49 Prozent in ihrem Wahlgebiet erreichen, berichtet der bayerische Ministerpräsident. Es gebe nur eine Bedingung, schränkt er ein - und zitiert eine heimische Zeitung, die am Wochenende ausgeführt habe, dass Seehofer in seinem Übermut nun keine Fehler machen dürfe. Der CDU-Parteitag freut sich, Lachen und Applaus. Es sei humorvoll gemeint gewesen, sagt Seehofer sicherheitshalber noch, verspricht dann aber mit lauter Stimme, die CSU sei deswegen „wild entschlossen, dass wir in den nächsten Monaten schnurrende Kätzchen sind und keine brüllenden Löwen“. Der graue Kater Seehofer macht eine Pause, blickt zufrieden ins CDU-Parteitagspublikum und stellt fest, dies sei „die Abteilung Unterwerfung“ gewesen.

          Dann wechselt Seehofer in eine Wahlkampfrede über (er sagt, er komme nun zum wichtigen): es ist ja nicht nur die Bundestagswahl für die sich die Union im Jahr 2013 rüsten muss, sondern auch die Landtagswahl in Niedersachsen, gleich im Januar - weswegen fast alle Parteien ihre Bundesdelegiertentreffen in diesem Herbst nach Hannover verlegt haben. Und dann findet im Herbst die Wahl in Bayern statt, aus Sicht eines bayerischen Ministerpräsidenten das Hauptereignis. Und da hält es der bayerische Regierungschef offenbar für sinnvoll, eine Zeit lang keine Sträuße mit einer Kanzlerin im Bund auszufechten, die gegenwärtig ein derart einigendes Ansehen genießt. Also stellt sich Seehofer schützend vor die Union, die ja jetzt, in all ihrer Einigkeit, von Gegnern wieder als bloßer „Kanzlerwahlverein“ geschmäht werde. Dabei sei das doch eigentlich eine Anerkennung des Erfolges dieser Partei. Ihm sei „jedenfalls ein Kanzlerwahlverein lieber als ein Kandidatenwahlverein“.

          Das gilt der SPD, die Seehofer in Hannover sonst nicht weiter beim Namen nennt, er setzt sich im weiteren Verlauf seines Auftritts lieber mit den Grünen auseinander. Und auch Volker Kauder, der zuvor am Mittwoch als Aufwärm-Trainer der CDU die Delegierten auf Wahlkampf-Temperatur zu bringen versucht hatte, fand für die Sozialdemokraten nur wenige Worte. Die SPD werde ja in einigen Tagen auf dem Messegelände in Hannover gleichfalls ihren Parteitag halten, „in einer kleineren Halle“, wie Kauder eigens bemerkte. Dann schimpfte er, dass die schönen Pläne der Bundesregierung von den Sozialdemokraten im Bundesrat blockiert würden, etwa die Einkommensteuersenkungen oder die Steuererleichterungen für Wärmedämmung. Solch eine Partei dürfe man doch nicht regieren lassen.

          Aber erst, als es um schwarz-grüne Koalitions-Konstellationen geht, kommt auch Kauder auf Touren. Nur weil „eine Dame da ein bisschen bürgerlich daherkommt“ - gemeint ist die Grünen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, werde doch nicht die ganze grüne Partei bürgerlich, im Gegenteil, programmatisch seien die Grünen ja gerade nach Links gerückt. Kauder gerät in Rage: „Eine so stolze, souveräne Volkspartei wie die CDU, die läuft doch den Grünen nicht nach.“

          Von diesem Selbstbewusstsein ist der ganze Saal erfüllt. Ein nüchterneres Gesicht zeigt die CDU an diesem Morgen vor den Türen ihres Plenarsaal-Gehäuses, draußen in der sehr großen Messehalle, wo die Dezembersonne hell auf die Stände der Wirtschaftsverbände und der Parteigliederungen scheint. Dort hat die Seniorenunion den größten Werbestand aufgebaut, schenkt Kaffee und nachmittags Weißwein aus, bietet Brezeln und Schlemmerzungen an. „Hellwach“ lautet ein Motto auf den Standpfeilern der CDU-Rentnerorganisation, „Gemeinsam in die Zukunft“ heißt ein anderes.

          Nebenan, in der Box des Wirtschaftsrates Deutschland, liegt die aktuelle Ausgabe der Verbandszeitschrift, deren Titel über die Menschen über 50 informiert, sie werden dort „Best Ager“ und „Midlife Boomer“ genannt. Wieder fünf Schritte weiter, bieten die Weight Watchers Wege hin zu einer schlankeren Figur. So spiegeln die Anbieter den Alterswandel in den Delegiertenreihen der CDU. Andererseits fällt ein Hang zur spielerischen Unterhaltung auf: vier Aussteller haben Tischkicker mitgebracht, um das Publikum zu locken. Ein Kicker steht beim Verband der Automatenwirtschaft, der kann vielleicht nicht hinzugerechnet werden, ein zweiter am Stand des DGB, ein dritter beim Stromkonzern RWE, ein vierter am Stand der CDU-Mittelstandsvereinigung. Und die Adenauer-Stiftung hat, über einem Foto des „Alten“ in Freizeitkleidung, ein virtuelles Boccia-Spiel an einem Fernseh-Bildschirm eingerichtet.

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