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CDU-Parteitag in Hamburg : Das große Raunen vor dem Wahlfinale

Wer macht das Rennen um den CDU-Parteivorsitz – Merz oder AKK, oder keiner von beiden? Bild: dpa

Vor der Wahl des oder der neuen Parteivorsitzenden ist die Spannung in der CDU so groß wie die Ungewissheit. Wer wird am Ende siegen, Friedrich Merz oder Annegret Kramp-Karrenbauer? Wetten will kaum jemand abschließen.

          Ein Parteitag, drei Kandidaten – und eine historische Entscheidung: So spannend war es seit Jahrzehnten nicht mehr bei der CDU. Vor dem Beginn des Parteitags, auf dem die 1001 Delegierten am Freitagnachmittag nach mehr als 18 Jahren die Nachfolge von Angela Merkel im Parteivorsitz wählen, scheint das Rennen völlig offen. Und wer in Hamburg bei CDU-Politikern nachfragt, wen sie vor der Wahl denn nun im Vorteil sehen, Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn, der erntet nur: ein Achselzucken. 

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Am Ende werde sich Annegret Kramp-Karrenbauer knapp gegen Friedrich Merz durchsetzen, glauben die einen. Ihre Kalkulation lautet: Merz ist zwar an der Parteibasis sehr beliebt, weil er dort mehr als Kramp-Karrenbauer für einen echten Neuanfang und eine stärkere konservative Profilierung steht. Auch könnte er der AfD mutmaßlich einen größeren Schaden zufügen als Kramp-Karrenbauer – zumindest ist das die Erwartung vieler, die Merz in den vergangenen Wochen als Merkels Nachfolger herbeigesehnt haben.

          Doch der Glaube, dass es in der CDU eine überwiegende Sehnsucht nach einer konservativen (Kehrt-)Wende gebe, die die Merkel-Jahre zu einem Gutteil zurückdrehte, sei trügerisch, sagen die Anhänger des anderen Szenarios. Weil die CDU sich bei aller Kritik an Merkel unter ihrer Führung längst viel grundlegender gewandelt und liberalisiert habe, als viele im konservativen Flügel es wahrhaben wollten. Also Vorteil Kramp-Karrenbauer, der viele eine größere Integrationskraft zuschreiben als dem polarisierenderen Merz?

          Als Generalsekretärin hat sie sich in der Partei binnen kurzer Zeit großes Ansehen erworben und als saarländische Ministerpräsidentin für die CDU Wahlen mit einem Traumergebnis von gut 40 Prozent gewonnen – das rechnen ihr viele hoch an. Auch glauben selbst Merz-Anhänger, dass die Halbwertszeit der großen Koalition mit „AKK“ deutlich länger wäre und es nicht zur Neuwahl des Bundestags womöglich 2019 käme – auch das könnten viele Delegierte in ihre Kalkulation mit einbeziehen, heißt es in Hamburg. Dass ein Duo Merkel/Merz lange gedeihlich durchhalten werde, glauben nur die wenigsten. 

          Viele sehen Merz am Ende knapp vor Kramp-Karrenbauer. Ihr Argument: Merz ist der bessere Rhetoriker, er kann die Partei eher beim heißen Herzen packen. Vor allem stehe Merz für ein größeres Auf- und Umbruchssignal – bei einer Wahl, die auch so etwas wie ein abschließendes Urteil über die Ära Merkel ist, kein geringes Argument. Viele in diesem Lager erinnern in Hamburg daran, wie gut Merz bei den Regionalkonferenzen ankam – allein nach Begeisterung gerechnet, müsse der Sauerländer am Ende vorne liegen, sagen sie.

          Aber sich festlegen, gar Wetten abschließen, wollen vor dieser historischen Wahl auch sie nicht. Auch nicht darüber, ob die ungewöhnlich klare öffentliche Festlegung von Wolfgang Schäuble, der in der F.A.Z. gesagt hatte, Merz sei „das Beste für das Land“, diesem nun geholfen oder eher geschadet habe. Schäuble habe die Reihen hinter ihr eher geschlossen, sagte Kramp-Karrenbauer am Donnerstag dem Saarländischen Rundfunk – diese Einschätzung war in Hamburg durchaus häufiger zu hören. Auch, dass nach einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends eine Mehrheit der Deutschen AKK wählen würde, dürfte die Zuversicht der Generalsekretärin vor der Abstimmung am Nachmittag eher bestärkt haben.

          Jens Spahn, der dritte prominente Kandidat, spielt übrigens in keinem Szenario eine entscheidende Rolle. Ihm wird zwar weithin zugetraut, einen Achtungserfolg zu erzielen – mit der Entscheidung werde er am Ende aber nichts zu tun haben, glauben die meisten. Andere sind auch in diesem Punkt skeptischer: Wer wisse schon, welche Dynamik auf dem Parteitag entstehen werde, sagen sie: eine schwache Rede von Merz, eine packende von Spahn und eine mittelmäßige von „AKK“ – könne das nicht doch noch einmal alles verändern?

          Eine Ära geht zu Ende  – dieses Gefühl ist in Hamburg mit Händen zu greifen. Mancher mochte das beim traditionellen Presseempfang am Donnerstagabend in der Hamburger Hafencity auch daran ablesen, dass Angela Merkel , die entgegen den voreiligen Meldungen mancher Journalisten doch kurz auftauchte, dieses Mal nicht wie sonst die Chefredakteure der Republik an einem gesonderten Tisch zum Essen um sich versammelte.

          Sie habe Sorge, „dass wir dann zu monothematisch diskutieren“, sagte Merkel – schließlich habe sie sich als scheidende Parteivorsitzende „absolute Neutralität“ auferlegt. Stattdessen riet sie den belustigten Gästen, einfach einmal miteinander zu reden – das sei doch auch ganz schön. Da sei er wieder, Merkels mitunter mädchenhafter Schalk, sagten die einen. Nein, das zeige nur, wie gelöst die Kanzlerin seit ihrer Rückzugsankündigung von der Parteispitze aufspiele, meinten andere. Mehr Raunen war nie in der CDU – und selten mehr Glück.

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