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CDU in Baden-Württemberg : Der erste Aufschlag trifft

Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl (rechts) und der Parlamentspräsident Guido Wolf in Sinsheim Bild: Röth, Frank

In Baden-Württemberg treten die beiden Bewerber um die CDU-Spitzenkandidatur in Regionalkonferenzen gegeneinander an. Es ist ein Duell der Ankündigungen - und der großen Gesten.

          3 Min.

          Wer politischen Erfolg will, muss eine Geschichte erzählen können. Im Vorraum der Halle 6 auf dem Sinsheimer Messegelände läuft Thomas Strobls Bewerbungsvideo für die CDU-Spitzenkandidatur 2016 in Baden-Württemberg in Endlosschleife. Strobl joggt durch die Weinberge. Man muss kein Cineast sein, um die Professionalität des Videos zu erkennen. Eigentlich wollten die Strategen des CDU-Landesvorsitzenden den Film sogar zur Einstimmung auf der ersten Regionalkonferenz vorführen. Das haben die Unterstützer Guido Wolfs, Strobls innerparteilichen Gegners im Urwahlkampf der baden-württembergischen CDU, gerade noch verhindern können. Denn Wolfs Filmchen ist nur halb so professionell. Tempo, Kostüm und Regie sind eine Katastrophe, geradezu ein Geschenk für Strobl.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Geschichte, die Strobl und seine Leute den 1400 CDU-Mitgliedern an diesem Abend auftischen, hätte sich mit den Filmszenen fabelhaft ausschmücken lassen: der weltläufige, sonnengebräunte Politikprofi aus Heilbronn gegen den biederen ehemaligen Landrat mit lyrischen Neigungen. Erfahrung gegen Provinz. Christine Strobl, die Tochter Wolfgang Schäubles, und Thomas Strobl begrüßen viele Mitglieder mit Handschlag. Das Drehbuch, das Strobls Leute für den wichtigen Auftakt geschrieben haben, ist perfekt: Es fängt damit an, dass die Konferenz zwar im Badischen stattfindet, doch Strobls Heimat Heilbronn nur 30 Kilometer entfernt ist. Nordbaden gilt als „Strobl-Land“.

          Auf den Tischen liegt, hübsch aufgepeppt mit Tortengrafiken, eine aktuelle Meinungsumfrage. Danach hat die grün-rote Koalition keine Mehrheit mehr. Der CDU werden 41 Prozent vorausgesagt, der „Alternative für Deutschland“ der Einzug ins Parlament. Wichtiger für diesen Abend und für die letzten Wochen des innerparteilichen Wahlkampfs sind aber die Beliebtheitswerte der zwei Bewerber für die Spitzenkandidatur: Strobl ist bei CDU-Anhängern und bei den Bürgern insgesamt der eindeutige Favorit. Allerdings ist ein Drittel der CDU-Wähler in dieser Frage noch unentschlossen. Nun ist nicht klar, wie viele Mitglieder unter den befragten Anhängern sind, aber Politik wird aus Stimmungen gemacht.

          Die Mitglieder versorgen sich mit Brezeln und Leberkäsebrötchen. Kurz nach 19 Uhr entscheidet dann das Los über die Reihenfolge der Redner. Wolf gewinnt. Seine mit zwei Bussen aus Tuttlingen herangekarrten Unterstützer halten ein spitzohriges Wolfsgesicht mit Brille in die Höhe. Strobl verschwindet im Wartezimmer. Wolf gilt eigentlich als guter Redner. Normalerweise spricht er frei. In Sinsheim liest er vom Manuskript ab. Der 53 Jahre alte Wolf preist sich als Kandidaten des Neuanfangs, als ein „CDU-Gesicht“, das in die Zeit passt. Wo er innerhalb seiner Partei seine Vorbilder sieht, sagt er deutlich: „Erwin Teufel hat zu Recht gesagt: Die CDU in Baden-Württemberg ist die Partei der kleinen Leute.“

          Urwahl-Konferenzen sind Show-Veranstaltungen

          Wolf skizziert dann seine „Politik für eine Gesellschaft der Mitte“: Er spricht über die kalte Progression, Bildung und Innovation, verzettelt sich aber mit unzähligen Ankündigungen: Gute Ausbilder müssten künftig einen „Meisterlehrpreis“ bekommen. Wenn er regiere, werde er eine „Paragraphenbremse“ einführen. Letzteres kommt beim Handwerker gut an, ist aber schon hundertmal angekündigt worden. Manchmal sind auch Wolfs Beispiele angestaubt: „Wenn die Linken in Nordrhein-Westfalen mit Rücksicht auf unsere muslimischen Mitbürger aus dem Martinsumzug ein ,Sonne-Mond-und-Sterne-Fest‘ machen wollen, dann ist das für uns falsch verstandene Toleranz“, sagt Wolf. Die Zuhörer jubeln. Doch die Linken sind in Düsseldorf schon lange nicht mehr im Landtag. Wolf trägt ein Spiegelstrichprogramm vor. Anders als Strobl erzählt er keine Geschichte.

          Dann redet Strobl. Mit seiner Frau schreitet er wie ein amerikanischer Präsidentschaftsbewerber zur Bühne. Die Choreographie sitzt. Den Generalsekretär hat er sich abtrainiert. Auch in Sinsheim tritt er als alerter Conferencier vor die CDU-Mitglieder: „Wer heute Abend an dieser Stelle steht, muss eine Frage beantworten. Die Frage lautet: Wie gewinnen wir gegen Winfried Kretschmann?“ Und in seiner Antwort zieht er eine klare Grenze zu Wolf: „Wer anderen hinterherläuft, kommt immer nur auf Platz zwei. Wir setzen aber auf Sieg.“ Die Kretschmann-Kopie will Strobl nicht sein. Dann folgt eine ausführliche Passage zum eigenen Eheleben, es sei ein „großartiger Glücksfall, mit einer Südbadnerin“ verheiratet zu sein. Wolfs Ehefrau sitzt auch in der ersten Reihe, doch er rückt sie nicht so ins Rampenlicht. Strobl muss sich später die Frage gefallen lassen, ob er nicht ein bisschen viel „Familienwirtschaft“ betreibe. In der mehrstündigen Fragerunde holt Wolf wieder etwas auf. Er geht stärker auf die Fragen der Mitglieder ein und brüllt nicht nur Wahlkampfsätze ins Mikro.

          Urwahl-Konferenzen sind Show-Veranstaltungen. Jeder Bewerber bringt Claqueure mit. Es kommt auf die mediale Wirkung an: Die meisten CDU-Mitglieder wollen ja beim Gewinner sein. Soweit das heute abzusehen ist, werden die grün-rote Regierung und die Opposition jeweils auf eine Neutralisierungsstrategie setzen: Grüne und SPD werden versuchen, die strukturelle Vorherrschaft der CDU in den Kommunen und in den Wirtschaftsverbänden zu neutralisieren. Die CDU wird mit Strobl oder Wolf versuchen, den Kretschmann-Effekt zu neutralisieren. Jetzt geht es darum, wer das besser kann. Nach der jüngsten Meinungsumfrage von SWR und „Stuttgarter Zeitung“ sind 70 Prozent der Baden-Württemberger mit Kretschmann zufrieden. Er bleibt ein Angstgegner. Neidisch sprechen viele CDUler von dem Ministerpräsidenten, der in der falschen Partei sei.

          „Guido, Tuttlingen steht hinter Dir“, steht auf einem Plakat in der Messehalle. Die erste Runde hat Strobl für sich entschieden. Fünf weitere Regionalkonferenzen folgen noch, einige auch in Guido Wolfs Hochburgen.

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