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CDU im Südwesten : Hier lieben sie Friedrich Merz

Sichtlich geschmeichelt von dem warmen Empfang: Friedrich Merz in Murrhardt (Baden-Württemberg) Bild: dpa

Im Schwäbischen Wald schlägt Friedrich Merz die Begeisterung entgegen, die ihm in Berlin zuletzt verwehrt blieb. Er ist geschmeichelt – und lobt die Grünen so unverhohlen, dass man es als Werbung für ein Bündnis in Berlin verstehen muss.

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          Fast wäre es eine Konkurrenzveranstaltung geworden – der Auftritt von Friedrich Merz in Murrhardt im Schwäbischen Wald und der von Susanne Eisenmann. Merz klappert gerade – trotz Corona – fleißig einzelne Kreisverbände ab. Er will Delegierte für den Bundesparteitag im Dezember gewinnen. Damit er doch noch CDU-Bundesvorsitzender wird und nicht Armin Laschet oder Norbert Röttgen. Eisenmann ist viel zwischen Heidenheim und Konstanz unterwegs. Die Spitzenkandidatin für die baden-württembergische Landtagswahl stellt sich derzeit mit ihrer Tour „Eisenmann will´s wissen“ den Fragen der Bürger. Schließlich kamen Merz und sie überein, eine gemeinsame Veranstaltung zu machen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Merz hat nach Murrhardt seine Standardrede mitgebracht, fast alle Bausteine daraus, kennt man schon: Energiewende, Rente, Globalisierung, lebenslanges Lernen, Abgrenzung zum Rechtsextremismus. Die Energiewende sei allein mit Sonnen- und Windenergie nicht zu schaffen. Lebenslanges Lernen müsse selbstverständlich werden; jeder, der heute die Hochschule verlasse, könne sein Wissen in zehn Jahren wegschmeißen. Eine verpflichtende kapitalmarktgedeckte Rente müsse kommen, das sage er nicht als neoliberaler Turbokapitalist, sondern aus sozialer Verantwortung. Die Globalisierung werde nach der Corona-Krise anders aussehen. Aufgabe der CDU sei es, dafür zu sorgen, dass Rechtspopulisten und Rechtsextremisten aus dem politischen Raum wieder verschwänden: „Wer, wenn nicht wir, können dafür sorgen, wer hat denn eine größere Verankerung als wir Christdemokraten?“ Das Ausland werde vom Ausgang der Bundestagswahl im nächsten Jahr auch abhängig machen, wie funktionsfähig die deutsche Demokratie noch sei. Merzens Rede ist ein einziges Zukunftsversprechen.

          Dann folgt ein Redeblock, den man als Werbung für eine schwarz-grüne Koalition im Bund verstehen muss: Die CDU, sagt Merz, solle den Grünen nicht hinterherlaufen, sie müsse auf die großen Fragen wie die Klimakrise allerdings eigene Antworten geben. „Die Leute bei den Grünen sind im Stoff, die wissen, wovon sie reden. Wir müssen uns ernsthaft um politische Themen kümmern: offen, tolerant, respektvoll im Umgang, hart in der Sache“, sagt Merz. Es klingt, also ob Merz auf eine Komplementär-Koalition mit den Grünen Lust hat und er seine unglücklichen Aussagen zu homosexuellen Bundeskanzlern und zum Kurzarbeitergeld inzwischen bereut. Zwei Ausrutscher, die am Abend komplett totgeschwiegen werden. Merz kann eben auch Reden ohne die Versatzstücke halten, die es SPD und Grünen dann häufig sehr leicht machen, das einfache CDU-Mitglied als Mann von Vorgestern vorzuführen.

          Sein Lob für die Grünen zeigt aber auch, dass Merz schon lange am politischen Spielfeldrand steht, denn die Grünen regieren im Südwesten zuverlässig, die Neigung zu sehr detailversessenen Konzepten hatten sie schon immer.

          Handynummer auf dem Bierdeckel

          In Murrhardt bekommt Merz von den etwa 80 Zuhörern, größtenteils sind es treue CDU-Anhängern und Funktionäre, jedenfalls sehr viel Applaus. Der Landtagskandidat Georg Devrikis will an diesem Abend nichts falsch machen. „Sie bekommen von uns eine Schinkenwurst aus dem Schwäbischen Wald und ein Käpsele-Bier“, sagt der CDU-Kandidat. Käpsele, damit bezeichnet der Schwabe einen cleveren, schlagfertigen Menschen, der etwas in der Birne hat. Merz tut die Schmeichelei sichtlich gut. Egal, ob Merz künftig CDU-Bundesvorsitzender oder vielleicht sogar Kanzlerkandidat werde, sagt Devrikis, vorsorglich habe er auf den Bierdeckel schon mal seine Handy-Nummer geschrieben. Für alle Eventualitäten in unübersichtlichen Zeiten, in der Welt und sogar in der CDU.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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