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Castor-Demonstrationen : Der Karneval des Wendlands

  • Aktualisiert am

Die Clowns versuchen, die Polizisten abzulenken Bild: picture-alliance/ dpa

Wenn ein Castor-Transport kommt, beginnt in Richtung Gorleben eine fünfte Jahreszeit: Die Staatsmacht wird durch Clowns herausgefordert, die Grenzen verschwimmen - und die Polizei hat alle Hände voll zu tun, dass die Lage nicht eskaliert. Robert von Lucius berichtet aus einem der Demonstrantencamps.

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          Für ein Zeltlager an der Elbe wirken die Namen der abendlichen Treffen in den Zelten ein wenig exotisch: Schotterinfo, Clownplenum, Bezugsgruppentreffen. Einige hundert Jugendliche versuchen hier, sich für die kommenden zwei Tage im Wendland zu orientieren. Zu den Fragen an die wenigen Kundigen im Treff zählt jene, was man mache, wenn man eigentlich „nur“ Gleise besetzen wolle und einer aus der Gruppe dann mit dem sogenannten Schottern beginne, also dem Abtragen von Schotter aus dem Gleisbett, um den Zug mit Atommüllbehältern nach Gorleben zum Stehen zu bringen.

          Hier im Camp Hitzacker erhalten die Atomkraftgegner Anleitungen, wie sie in der Nacht von Sonntag auf Montag vorgehen sollten, wenn es um das Besetzen von Gleisen oder eben auch um das Schottern geht. Zunächst kommt die Frage, wie sie „unauffällig“ in Gleisnähe gelangen könnten, angesichts von etwa 17.000 Polizisten, die sich entlang der Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg - sie führt über Hitzacker - postiert haben und auch die zwanzig Kilometer lange Straße zwischen der Verladestation in Dannenberg und dem Zwischenlager in Gorleben bewachen.

          Der Rat: Wenn sie das Camp verlassen, sollten sie nicht in großen Gruppen losgehen, sondern lässig dahinstreunen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Eine zu große Gruppe sei im Übrigen unhandlich und schwer zusammenzuhalten. Zu kleine Gruppe auf dem Gleis - zwei oder drei Personen - verpufften wiederum in ihrer Wirkung. Also: Das Beste sei eine „Bezugsgruppe“ von etwa fünf oder sechs Personen, die man idealerweise am Vorabend zusammenstelle (damit sich die Leute kennenlernen können) und mit einem gemeinsamen Decknamen versehe. „Apfelbaum“ wäre gut.

          Musik und Filme: Nachts wird in den Zelten gefeiert

          Anarchie als Organisationsform

          In diesem und anderen Camps treffen sich - so vermittelt es jedenfalls der Augenschein - überwiegend junge, aggressionsferne Menschen, die sich um die Zukunft sorgen, sich bei vereintem Essen (veganisch) und Geschirrspülen um den Nächsten kümmern. Sie stapfen mit Isomatte, Schlafsack und Zelt durch den tiefen Matsch. Ihre Stimmung schwankt zwischen hilflosem ernsthaften Suchen und ausgelassener Freude am Gemeinsamen. So wird in der Nacht zum Samstag mit Musik und Filmen in den Zelten gefeiert, in der Nacht zum Sonntag ernsthaft debattiert und zum Montag hin kommt es zu den „Spaziergängen“ im lichten Wald. Alkohol gibt es nur wenig; wer eine Flasche in einem Bierkasten oder auf einem Campingtisch findet, steckt eine Spende in irgendeine Box - Kontrollen widersprächen dem Selbstverständnis der Anwesenden.

          Die Camps sind überfüllt, so müssen viele von Lager zu Lager weiterziehen auf der Suche nach einem Platz. Viele sind vermummt - nicht im Gesicht, sondern am Körper, mit doppelten Pullis und langen Unterhosen, da es in der Nacht kalt wird und morgens der Rauhreif liegt. Wenig scheint koordiniert oder vorgegeben zu sein. Die Ordnung der Dinge heißt Anarchie. So haben die meisten Demonstranten noch nicht einmal eine Landkarte dabei und müssen sich erst bei ihrem Stehnachbarn im Zelt erkundigen, wo denn das Geschehen sei und wie man zu den Gleisen komme. Eine ältere Dame verteilt einige fotokopierte Karten - fast jeder geht leer aus.

          Zusammenstöße mit Schlagstöcken und Pfefferspray

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