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Bundesweite Sprachkurse : Sprachförderung muss vor der Grundschule beginnen

Lesen, Verstehen, Schreiben: Für viele Kinder muss die Sprachförderung schon vor der Schule greifen. (Symbolbild) Bild: dpa

Mit dem Satz, Kinder ohne Deutschkenntnisse hätten in der Grundschule noch nichts zu suchen, hat Carsten Linnemann für großes Aufsehen gesorgt. Ganz Unrecht hat er nicht, finden einige Fachleute – allerdings müsse der Ansatz ein anderer sein.

          Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Carsten Linnemann ist immer für eine steile These gut. „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, hatte Linnemann der Zeitung „Rheinische Post“ gesagt. Mit seiner Forderung, Grundschulkinder mit mangelnden Deutschkenntnissen ein Jahr zurückzustellen, hat er auch in seiner eigenen Partei Empörung ausgelöst.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Was soll in dem Jahr geschehen, in dem die Kinder noch nicht zur Schule gehen können? Integrations- und Inklusionsideologen fielen sofort über Linnemann her, wird in Berlin berichtet. Nachdem Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) dessen Äußerungen als „populistischen Unfug“ bezeichnet hatte, gab ihm Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) teilweise recht. Sie ist der Auffassung, „dass Handlungsbedarf bei der sprachlichen Förderung besteht“ und dass Kinder möglichst früh gefördert werden müssen. Anlass für Linnemanns Äußerung war der Befund, dass bei Sprachtests in Duisburg mehr 16 Prozent der künftigen Erstklässler kein Deutsch könnten. „Aber Ausgrenzung ist der falsche Weg“, sagte Eisenmann.

          Die sprachliche Förderung muss vor der Grundschule beginnen, da sie entscheidend für das Gelingen der ersten Schuljahre ist. Darin sind sich alle einig. Baden-Württemberg hat zwei Programme aufgelegt, die von zusätzlich qualifizierten Erziehern übernommen werden, die „Intensive Sprachförderung plus“ (80 Stunden im Jahr) sowie das Programm „Singen– Bewegen – Sprechen“ (36 Stunden im Jahr). Die Sprachförderkräfte müssen nach einem landeseinheitlichen Qualifizierungsprogramm qualifiziert sein, um den Landeszuschuss zu bekommen.

          Anderes Bundesland, andere Sprachtests

          Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Stefanie Hubig (SPD) kritisierte Linnemanns Vorschlag als „Fernhaltepolitik“. Integration werde gebraucht, und dafür habe ihr Land die Mittel für frühzeitige und durchgängige Sprachförderung von 23 auf über 40 Millionen Euro nahezu verdoppelt. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger hatte Linnemann insofern recht gegeben, als Sprachförderung früh geleistet werden muss. „Ich bin ein absoluter Anhänger von bundesweiten flächendeckenden Sprachstandstests bei Drei- und Vierjährigen“, hatte Meidinger gesagt.

          Der Bildungsforscher Olaf Köller, Leiter des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel, forderte im Gespräch mit der F.A.Z. einen verbindlichen Sprachtest für vier bis fünf Jahre alte Kinder in allen Bundesländern. Köller verweist auf das funktionierende Beispiel Hamburgs, das schon jetzt im Sprachtest gescheiterte Kinder in die Vorschule schickt, um bis zum Schulbeginn fehlende Sprachkenntnisse auszugleichen. Unterrichtet werden sie dort in der Regel von Sozialpädagogen, die eine Zusatzausbildung in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) durchlaufen haben. Nötig sei akademisches Personal, das in DaZ qualifiziert sei; Kindergärtnerinnen könnten das nicht übernehmen. Mangelnde Sprachkenntnisse ließen sich nicht in der spielerischen Situation des Kindergartens lösen.

          Noch immer verwenden die Länder unterschiedliche Tests zur Sprachstandsfeststellung. Oft sei auch die Messlatte für die Diagnose sprachliche Schwierigkeiten zu niedrig angesetzt, weil sonst der halbe Jahrgang gefördert werden müsse, meint Köller.

          Zu den validen Tests zählt er den digitalen zweisprachigen Cito-Sprachtest, der es erlaubt, Kinder in deutscher und in türkischer Sprache am Computer zu testen. Auch für nicht türkischsprachige Pädagogen ist es möglich, den Sprachstand in der Erstsprache Türkisch festzustellen. Für unerlässlich hält der Bildungsforscher einen validen Test und eine strukturierte Lösung, die qualitativ und quantitativ gut ausgestattet sei. Zwanzig Minuten pro Woche seien viel zu wenig, sagt Köller.

          Außerdem spricht er sich dafür aus, die Zusammenarbeit zwischen Kindergärten, Kindertagesstätten und Schule dadurch zu stärken, dass die Verantwortung für den Elementar- oder zumindest Vorschulbereich in den Schulministerien angesiedelt wird und nicht – wie in vielen Ländern – im Familienministerium. Vorschule und Schule dürften nicht getrennt werden, fordert Köller.

          Inzwischen sind Module für DaZ in allen Lehramtsstudiengängen verpflichtend, so dass auch Grundschullehrer, die nicht Deutsch unterrichten, zumindest eine Vorstellung von Deutsch als Zweitsprache haben. In Berlin wird der Sprachstand erst 15 Monate vor Beginn der Schulzeit erhoben, was Bildungsforscher für zu spät halten. Die Teilnahme an einer Sprachförderung ist verpflichtend und wird von den Erziehern in der Kita an fünf Tagen mit jeweils fünf Stunden geleistet.

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