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Bundeswehrreform : Mit schlechten Noten zum Bund?

  • -Aktualisiert am

„Girls Day” bei der Bundeswehr - als Arbeitgeber steigt deren Attraktivität bei den Schülern Bild: dapd

Ohne Wehrpflicht wird es schwieriger, Soldaten zu finden. Da der Staat nicht mehr zwangsrekrutiert, kann er auch keinen Querschnitt der Gesellschaft mehr garantieren. Wer also wird künftig für Deutschland kämpfen?

          Anfang September 2010 fand in der Stadthalle von Kulmbach an einem Samstagmorgen eine Diskussion über die Zukunft der Bundeswehr statt. Prominenter Gast war der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der seine Pläne zur Aussetzung der Wehrpflicht erläuterte. Als er fertig war, stand ein älterer Herr auf und berichtete, seine Frau sei bei einem Kreiswehrersatzamt beschäftigt. Nach ihren Erzählungen sei zu befürchten, dass die Bundeswehr bald zu achtzig Prozent aus Türken bestehen werde. Und da frage er sich doch, auf welcher Seite die im Ernstfall stünden. Ein Raunen im Saal. Guttenberg zögerte nicht, ein solches Szenario umgehend zurückzuweisen und damit jegliche Zweifel an der Vaterlandstreue von Soldaten mit Migrationshintergrund von sich zu weisen. Damit schien die Sache erledigt.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Schien. Denn Guttenberg hat zwar das Ende der Wehrpflicht politisch durchgesetzt, hat seinem Nachfolger Thomas de Maizière aber die Frage hinterlassen, wie ohne die Zwangsrekrutierung mittels Wehrpflicht genügend junge Männer oder Frauen für die Bundeswehr gefunden werden können. Weil deswegen im Moment eine gewisse Verunsicherung herrscht, kursieren die düstersten Szenarien von einer Armee, die trotz der geplanten erheblichen Verkleinerung nicht genügend Soldaten haben werde. In diesem Zusammenhang taucht sogar unter Bundestagsabgeordneten der Gedanke auf, ob nicht auf einen deutschen Pass verzichtet werden könne, wenn denn ein geeigneter Bewerber am Kasernentor klopfen sollte, oder eine deutsche Staatsbürgerschaft sogar als Lohn für einen militärischen Dienst in Aussicht gestellt werden könnte. Zwar ist das noch die Vorstellung einer Minderheit, die Mehrzahl der Außen- und Sicherheitspolitiker lehnt den Gedanken ab und warnt vor dem Modell einer Fremdenlegion, wie Frankreich sie sich hält. Doch die Grenzen der Phantasie auf der Suche nach dem Nachwuchs sind mittlerweile weit gesteckt.

          Weniger Häuptlinge und mehr Indianer

          Das ist auch nötig, selbst wenn die Horrorszenarien einer Armee ohne Soldaten übertrieben sind. Die Bundeswehr ist ja längst daran gewöhnt, sich weit mehr als die Hälfte ihres Personals auf dem „freien Markt“ zu suchen. Zeit- und Berufssoldaten werden zum großen Teil über sogenannte Nachwuchszentren rekrutiert, auch Millionenbeträge für die Truppenwerbung in den Medien sind keine Erfindung der Zeit nach der Wehrpflicht. Der Werbeetat ist lediglich von 4,5 Millionen Euro im Jahr 2010 auf 5,2 Millionen Euro in diesem Jahr erhöht worden. In der Bundeswehr ist man überzeugt, dass die Zahl der auf diesem Weg bisher gewonnenen Kandidaten auf einem stabilen Niveau bleiben wird. Ein Grund für eine Änderung entsteht durch den Wegfall der Wehrpflicht nicht, zumal der Truppenumfang vermindert werden wird und die derzeit im Verhältnis zu den Mannschaftsdienstgraden hohe Zahl von Offizieren verringert werden soll nach der Devise „weniger Häuptlinge und mehr Indianer“. Die Schwierigkeiten beginnen weiter unten.

          Letzte Vereidigung von Wehrpflichtigen, hier Rekruten der Werrratal-Kaserne - 12.500 waren es insgesamt

          Ein gutes Drittel aller Soldaten, die bislang mehr als nur den Grundwehrdienst geleistet haben, wurden auf dem Wege der sogenannten internen Rekrutierung gefunden. Sie leisteten ihren Wehrdienst und entschieden sich in dieser Zeit, länger zu bleiben. Viele wurden FWDLer, wie die Bundeswehr mit ihrer Neigung zu Abkürzungen sie nennt: Freiwillig Wehrdienst Leistende. Sie bleiben bis zu vier Jahren als Mannschaftsdienstgrade und gehen mit in die Auslandseinsätze. Andere beschlossen während des Wehrdienstes, Zeitsoldaten zu werden.

          Für dieses und das nächste Jahr kommt man zurecht

          Seit die Wehrpflicht ausgesetzt ist, werden junge Männer und Frauen angeschrieben und können wählen, ob sie ins Kreiswehrersatzamt zu einem Gespräch über einen freiwilligen Aufenthalt bei der Bundeswehr gehen oder den Brief einfach dem Altpapier überantworten. Für Letzteres entschied sich die überwältigende Mehrheit der satten sechsstelligen Zahl Gefragter. Nur eine kleine vierstellige Zahl, im April waren es knapp 1500 Frauen und Männer, insgesamt sind es in diesem Jahr noch nicht einmal 3000, ging auf das Angebot der Bundeswehr ein.

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